25.11.2012: PD Dr. Jörg Neijenhuis über Phil 1,21-26

 

Predigt Phil 1,21-26

Letzter Sonntag im Kirchenjahr, 25.11.2012

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

I.

Wenn wir an die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres denken, vielleicht auch an Menschen, die vor noch längerer Zeit verstorben sind, dann bricht in uns Trauer, wenn nicht gar Schmerz auf. Es tut uns weh, einen lieben Menschen nicht mehr bei uns zu haben. Es macht uns traurig, wenn ein Mensch, der uns wichtig war, nicht mehr für uns da sein kann. Die Trauer, der Schmerz wird hervorgerufen, weil unsere Beziehung zu diesen verstorbenen Menschen ins Leere läuft. Wir wünschen uns den Kontakt, wir suchen das Gespräch, wir erhoffen uns eine Antwort, wir erinnern uns an das gute Beisammensein.

Aber unser Wunsch nach Kontakt kann nicht mehr erfüllt werden – und das tut weh. Eine Beziehung ist abgebrochen worden. Das schmerzt wie eine Wunde.

 

Solche schmerzlichen Erfahrungen bringen uns ja immer aufs Neue in die Nähe des Todes. Sie erinnern uns daran, dass auch wir sterblich sind und dass wir irgendwann sterben werden. Daran denken wir lieber nicht, weil wir noch mitten im Leben sind, Verantwortung für unsere Familie tragen, weil noch Hoffnungen und Wünsche an das Leben unerfüllt sind.

 

Und der eine oder die andere unter uns weiß auch von seinem Verstorbenen, dass er noch nicht sterben wollte. Ebenso wissen wir, dass manch einer im hohen Alter, mit einer schweren Krankheit belastet, auf den erlösenden Tod gewartet hat.

 

Noch ganz anders spricht Paulus vom Sterben, wie er an die Gemeinde in Philippi geschrieben hat:

 

Für mich gilt: Leben heißt Christus, und Sterben ist für mich Gewinn. Wenn ich aber am Leben bleiben sollte, dann bedeutet das, dass meine Arbeit Frucht bringen wird, und so weiß ich denn nicht, was ich wählen soll. Nach zwei Seiten werde ich gezogen: Eigentlich hätte ich Lust, aufzubrechen und bei Christus zu sein; das wäre ja auch weit besser. Am Leben zu bleiben, ist aber nötiger – um euretwillen. Ich vertraue darauf und weiß, dass ich weiterleben und euch allen erhalten bleiben werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben. So wird euer Ruhm, den ihr in Christus Jesus habt, durch mich noch größer werden, wenn ich wieder bei euch bin.

 

 

Für Paulus ist das Sterben ein Gewinn! Bislang haben wir das Sterben eher als Verlust aufgefasst, als Abbruch einer Beziehung. Wir empfinden Schmerz und Trauer – aber davon ist bei Paulus nichts zu hören! Ob wir da etwa Falsches gedacht haben? Oder sind wir in unserer Trauer nicht fromm genug?

Wenn wir so denken oder empfinden, dann sitzen wir falschen Erwartungen auf. Denn Paulus geht davon aus, dass seine Beziehung nicht abbricht, wenn er stirbt, sondern trotz Sterben und Tod erhalten bleibt. Paulus meint seine Beziehung zu Christus. Seine Beziehung zu Christus wird durch sein Sterben nicht abbrechen, sondern Paulus wird durch das Sterben zu Christus kommen. Darum ist für ihn sein Sterben ein Gewinn. Denn Christus ist sein Leben, und wenn er gestorben ist, ist er ganz bei und in Christus. Darum wird seine Freude größer sein als hier im irdischen Leben.

 

Allerdings empfindet Paulus genauso wie wir, wenn er an seine Verantwortlichkeiten für die Gemeinde in Philippi denkt. Auch wir denken an unsere Verantwortlichkeiten für unsere Familie, wenn wir ans Sterben denken. Auch für Paulus wäre da ein Verlust zu beklagen, wenn er sterben würde und nun bei Christus wäre. Denn dann wäre die Beziehung zu den Gemeindegliedern in Philippi auch abgebrochen. Er könnte für diese Gemeinde, die er selbst gegründet hat, nicht mehr da sein und könnte nichts mehr für sie tun. Darum sagt er, dass es nötiger ist, hier im Leben zu bleiben, um den Glauben und die Freude zu fördern.

 

 

II.

Wir haben also zwei unterschiedliche Perspektiven in den Blick genommen: Die eine Sicht ist die des Sterbenden, die andere Sicht ist die des Lebenden. Mit diesen verschiedenen Perspektiven – die des Sterbenden oder die des Lebenden – sehen und bewerten wir die Beziehungen unterschiedlich. Es fühlt sich anders an, ob wir unsere Beziehung zu den Verstorbenen bedenken oder ob wir an unser eigenes Sterben denken. Und wir erleben unsere Beziehungen anders, wenn wir dabei auch an die Beziehung zu Christus denken, die wir im Glauben haben.

 

Ob es uns hilft, weniger zu trauern, wenn wir wissen, dass der Verstorbene wie wir eine Beziehung zu Christus hatte und nun bei Christus ist? Trifft uns dann der Schmerz weniger, als er andere Menschen treffen kann?

Wohl kaum. Denn warum sollte man um einen lieben und nahen Menschen, mit dem man sein Leben geteilt hat, mit dem man z.B. in einer Ehe in guten wie in schweren Tagen verbunden war, weniger trauern? Warum sollte es weniger wehtun, weil man im Glauben gewiss ist, dass der Verstorbene bei Christus ist? Nein, es ist wohl eine falsche Erwartung, zu meinen, dass man die Beziehung zu Christus mit der Beziehung zu Menschen aufrechnen könne.

Ob wir im Glauben leben oder nicht – das natürliche Leben hat sein eigenes und gutes Recht. Trauern um einen lieben Menschen ist etwas ganz Natürliches. Schließlich ist ein lieber Mensch es auch wert, dass wir um ihn trauern. Wir müssen ja auch selbst damit fertig werden, dass er nun nicht mehr da ist, wie wir es unter Umständen über Jahre und Jahrzehnte gewohnt waren.

III.

Was kann uns trösten? Dass unsere Beziehungen durch Sterben und Tod sich zwar verändern, aber nicht beendet werden. Wer sein Leben in Beziehung zu Christus lebt, ist sich im Glauben gewiss, dass er nach dem Sterben mit Christus leben wird. Zugleich weiß er auch, dass er seine Lieben verlassen muss, und das tut trotz Glauben genauso weh, als würde er nicht glauben. Der Glaube ist kein Trost in dem Sinne, dass die Trauer und der Schmerz weniger würden oder schneller vorbeigingen. Nein, der Glaube hebt nicht die menschliche Natur auf. Ein Trost lindert nicht den Schmerz. Aber er verhindert ein Verzweifeln, das uns krank machen könnte. Denn Trost bedeutet, dass sich uns ein anderer Mensch zuwendet, uns mit Worten tröstet, uns durch Gesten und Zuwendung stärkt. Ja, genau das ist Trost: einen Menschen stärken, wenn er schwach ist. Ihm beistehen in seiner Not, damit er aufgrund seiner Trauer und seines Schmerzes nicht noch schwächer wird, sondern stärker wird, den Schmerz und die Trauer zu bewältigen.

 

Diesen Prozess, diese Entwicklung sollte man nicht klein reden. Oder die Trauer und den Schmerz als etwas Lästiges einfach wegschieben wollen. Da säße man falschen Erwartungen auf. Denn wir Menschen sind ja nicht Wesen, die in sich verschlossen sind, sondern wir leben immer in und durch unsere Beziehungen. Das können ganz tiefe Beziehungen sein, aber ebenso auch oberflächliche oder kurzzeitige. Das können Beziehungen sein, die wir durch unseren Beruf oder durch unsere Nachbarschaft haben und ebenso durch unsere Interessen oder Verwandtschaft. Unsere Beziehungen sind außerordentlich zahlreich und recht unterschiedlich. Und wenn ein Mensch stirbt, zu dem wir eine Beziehung hatten, dann ändert sich mit seinem Tod nicht nur etwas in unseren Beziehungen, sondern auch etwas in unserem Inneren. Das geschieht durch den Schmerz, durch die Trauer.

Wenn ein Mensch trauert, wenn wir selbst trauern, dann hoffen wir, dass wir andere Menschen an unserer Seite haben, die uns in unserer Schwachheit beistehen, uns trösten und uns in diesem Prozess stärken. Dann dürfen wir und sollen wir selbst diejenigen sein, die den Trauernden stärken, weil wir im Glauben die Hoffnung haben, dass der Verstorbene bei Gott ist.

 

Doch wenn man an ein Leben in Christus nach dem Sterben nicht glauben kann und daher annimmt, dass das menschliche Leben im Tod endet und ein für alle Mal vorbei und ausgelöscht ist, dass das Leben also ein absolutes Ende hat, dann kann man in seiner Trauer verzweifeln. Wer aber im Glauben gewiss sein kann, dass der Verstorbene in Christus ist, ist zumindest damit getröstet. Ja, er ist gestärkt, durch diesen Glauben und mit dieser Hoffnung seine Trauer und seinen Schmerz haben zu dürfen, sie aber auch mit der Zeit bewältigen zu können.

 

 

IV

Was bedeutet es, bei Gott zu sein? Was bedeutet es, zu sagen: Christus ist mein Leben?

Das bedeutet Ewigkeit. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern das Gottes Wort das ewige Leben hat.

Darauf setzen wir unsere Hoffnung! Dass wir in unseren Beziehungen bei Christus in diesem irdischen Leben und im ewigen Leben gut aufgehoben sind.

Eine Hoffnung, dass unsere Beziehung zu Christus selbst trotz Sterben und Tod nicht abbricht, sondern weiter existieren wird. Und so, wie sich unsere Beziehungen im menschlichen Leben wandeln und ändern, so wird sich diese Beziehung auch nicht statisch erhalten, sondern sich auch durch Sterben und Tod wandeln. Unsere Beziehungen aber werden in Ewigkeit sein. Amen.

 

 

 

PD Dr. Jörg Neijenhuis

Mail: joerg.neijenhuis@pts.uni-heidelberg.de

 

 

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 03.12.2012
zum Seitenanfang/up