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26.03.2017: Dr. Sabine Schmidtke über Joh 12,20-24

Predigt zu Joh 12,20-24: „Und was ist mit den Griechen?“

(Uni-GD, 26.03.2017)

 

Dr. Sabine Schmidtke

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!                  Amen.

 

Irgendwie ist er spröde. Immer so weisheitlich. Schwer verständlich. Er wirkt fast herablassend. Ich gebe es zu: Anders als einer meiner Lieblingstheologen habe ich es nicht so mit dem johanneischen Jesus. „Ich bin von oben – ihr seid von unten.“ „Ich bin das Brot, das Licht, die Tür – und ihr versteht mich nicht.“ – Ja, wie denn auch?

Wohltuend, versöhnlich klingt da der heutige Predigttext aus dem 12. Kapitel des Johannesevangeliums (Joh 12,20-24) für mich:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen:

„Herr, wir wollen Jesus sehen.“ Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach:

„Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

In meinem Kopf summt schon die Melodie von „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt...“. Na, damit kann man doch arbeiten. Passt ja auch jahreszeitlich ganz gut. Gerade erst habe ich zu Hause die kleinen Torf-Töpfe fertig gemacht, Erde eingefüllt, Samenkörner eingepflanzt. Tomaten, Paprika, Radieschen – winzig kleine Samenkörner in die Erde versenkt, damit sie reiche Frucht bringen. Und ungeduldig schaue ich jeden Tag nach, ob man schon etwas sehen kann, ob da etwas Grünes aus der Erde sprießt. Und weil ich nicht nur gärtnere, spannt sich natürlich auch sofort der christologische Fächer auf: Das Weizenkorn muss sterben, damit es viel Frucht bringt. Klar, Deutungen des Todes Jesu, sehr schön.

Doch dann: Wie eine dunkle Wolke schiebt sich eine Frage zwischen meine botanischen und christologischen Assoziationen: „Und was ist mit den Griechen?“ Dieser Predigttext mag ja im bekannten Jesuswort gipfeln, aber da war doch noch was (Joh 12,20):

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

„Störungen haben Vorrang“, so habe ich es in der Seelsorge und auch Didaktik gelernt. Mich stören die Griechen in meinem christologischen Assoziieren. Also, was ist mit diesen Griechen?

 

 

Ich krame meine verstaubten exegetischen Kenntnisse hervor. „Griechen“ – die stehen doch oft für die „Heiden“ oder „Völker“, wie man es jetzt treffender sagt. Das scheint hier aber nicht zu stimmen. Die „Griechen“ sind keine religiösen Touristen, die nach Jerusalem reisen, um sich den Trubel anzuschauen, wie ich mir Generalaudienzen mit dem Papst in Rom anschaue. Es heißt von ihnen, dass sie zum Fest nach Jerusalem gekommen sind, um anzubeten. „Anbeten“ – das ist keine distanzierte Beobachterperspektive. Mit Anbetung ist man mittendrin, statt nur dabei. Die Griechen sind also wohl Proselyten, Griechen, die sich dem Judentum zugewandt haben.

Und die wollen nun gerne Jesus sehen – sie werden wohl irgendetwas von ihm gehört haben. Als zuvor von Jesu Einzug in Jerusalem berichtet wird, heißt es schon, dass einige Pharisäer sagten (Joh 12,19): „...alle Welt läuft ihm nach.“ Alle Welt – darum sprechen hier also einige Griechen den Jünger Philippus an und sagen ihm, dass sie diesen Jesus sehen wollen.

Was so in Gange kommt, erinnert ein wenig an „Stille Post“. Die Griechen sprechen Philippus an, Philippus sagt das Andreas und beide sagen’s dann Jesus. Und Jesus? Der reagiert mit dem bekannten Wort (Joh 12,24)

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Und was ist nun mit den Griechen? Sind sie dabei, als Jesus das sagt? Oder wird ihnen diese Reaktion und das, was Jesus noch sagt, ausgerichtet? Eindeutig ist der Text nicht. Aber man erfährt in seinem späteren Verlauf zumindest, dass diese Worte nicht nur im vertrauten Kreis der Jünger gesprochen wurden, sondern „Volk“ dabei stand – vielleicht also auch die Griechen.

Nehmen wir also an, dass die „Griechen“, die Jesus sehen wollten, nun hören, dass eine ganz bestimmte Stunde gekommen sei. Dass es irgendwie um Verherrlichung gehe. Und dass das Weizenkorn in die Erde fallen und sterben muss. Dass es nur so Frucht bringen kann. – Können die Griechen und kann das Volk mit diesen Worten etwas anfangen? Sie können aus ihren eigenen Erfahrungen wahrscheinlich das Bild verstehen und es vielleicht auch aus der Situation heraus auf Jesus beziehen.

Aber: Wenn ich diese Situation ernst nehme, stellt sich eigentlich keine wohltuende Stimmung ein. Wenn man diese Worte von dem hört, der so etwas Besonderes sein soll. Wenn man den berühmt-berüchtigten Jesus sehen will und dieser einem relativ unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er bald sterben muss – da bleibt der christologische Fächer erstmal geschlossen.

Ich denke, ohne die nachösterliche Brille bleibt mir hier nur die Perspektive des Nicht-Verstehens. Die Perspektive, die sich nicht durch den penetrant das Ende und die Deutung allen Geschehens vorwegnehmenden Evangelisten leiten lässt, sondern die sich auf die Situation der Passionszeit einlässt. Die Perspektive, in der ich ernsthaft akzeptiere, dass Jesus stirbt – und ich nicht wirklich und endgültig weiß, warum das sein muss. Die Perspektive, in der ich zwar hoffe, dass das Saatgut aufgeht und Frucht bringt – in der ich aber auch weiß, dass einige Samenkörner tot in der Erde liegen bleiben und verfaulen. Diese Perspektive, in der auch der johanneische Jesus noch nicht sagt: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30), sondern (Joh 12,27): „Jetzt ist meine Seele erschüttert.“

Bei dem Lied „Korn das in die Erde, in den Tod versinkt...“, habe ich dank eines Vikariats-Kollegen eine recht hartnäckige falsche Text-Erinnerung. In der zweiten Strophe heißt es: „Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?“ – In meinem Kopf heißt es aber immer: „Jesus ist tot. Wie konnte das geschehn?“

Der Tod ist nicht etwas, das von sich aus Sinn eröffnet. Der Tod erscheint eher als tiefste Infragestellung von Sinn. Der Tod macht traurig und häufig fassungslos. „Wie konnte das geschehn?“ Und gerade in der Passionszeit darf ich zugeben: Auch Jesu Tod konfrontiert mich mit drohender Sinnlosigkeit. Ich kann ihn nicht vollständig verstehen oder vorschnell deuten. Wenn der Tod ins Leben einbricht, zerbrechen Sinn und Verstehen.

Jesus versucht wohl, seinen Zuhörern das Unausweichliche und Unverständliche erträglicher zu machen. Er verpackt es in ein Bild, das einen Hoffnungskeim enthält. Aber wie so oft im Johannesevangelium, so bleibt es letztlich auch hier dabei, dass die, die ihn hören, ihn doch nicht verstehen. Und das erscheint mir nicht als verstocktes Nicht-Verstehen-Wollen, sondern als schlichtes Nicht-Verstehen-Können.

Doch für den, dem der Tod dicht bevor steht, muss dieses Nicht-Verstehen die Situation noch härter und unerträglicher machen. Vielleicht spricht Jesus sich auch selbst Mut zu:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Noch ist er allein. Es versteht ihn niemand. Aber wenn das Weizenkorn Frucht bringt, ist es nicht mehr allein.

Wenn ich an den johanneischen Jesus denke, wenn ich die Texte lese, in denen es immer wieder um scheiternde Kommunikation geht; darum, dass sein Reden ständig auf Unverständnis stößt – dann muss ich häufig an eine Textzeile eines Songs denken (Tocotronic):

 

„Ich weiß nicht, wie konnte das geschehen. Die Welt kann mich nicht mehr verstehen.“ Und kurz darauf heißt es weiter: „Und ich weiß nicht genau, ob es so etwas gibt. Und ob es an der Zeitumstellung liegt.“

Eine Zeiten-Umstellung kündigt auch der Predigttext an:  „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ Zeitumstellungen sind nicht immer angenehm – das habe ich heute deutlich gemerkt. Sie können uns durcheinander bringen. Aber haben Zeitumstellungen dennoch einen Sinn?

In vielen englischsprachigen Ländern heißt die Umstellung auf die Sommerzeit „daylight saving time“. – Dass die Zeiten-Umstellung, die mit dem Tod Jesu hier angekündigt wird, eine „Licht-rettende Zeit“ hervorbringen wird, deutet sich im Wort von der Verherrlichung und im Bild von dem fruchtbringenden Weizenkorn an. Dieses Licht bricht aber endgültig erst am Ostermorgen an.

Heute müssen und können wir vielleicht noch nicht alles verstehen. „Und was ist mit den Griechen?“ – Diese Frage, die große Störung, ist so störend nicht. Die Griechen sind meine Platzhalter. Sie bieten mir einen Raum, in dem ich und mein Nichtverstehen auch aufgenommen und ernstgenommen sind.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jegliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

 

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Letzte Änderung: 06.04.2017
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