26.08.2012: Prof. Dr. Theo Sundermeier über Lk 16,1-6

 

Predigt: Lukas 16, 1-6. Peterskirche Heidelberg, 26. 8. 2012

 

Prof. Dr. Theo Sundermeier

 

 

Jesus sprach aber auch zu seinen Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der ward vor ihm berüchtigt als hätte er ihm seine Güter umgebracht.

Und er forderte ihn und sprach zu ihm: Wie höre ich das von dir? Tu Rechnung von deinem Haushalten; denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein!

Der Haushalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt das Amt von mir; graben kann ich nicht, so schäme ich mich zu betteln.

Ich weiß wohl, was ich tun will, wenn ich nun von dem Amt gesetzt werde, daß sie mich in ihre Häuser nehmen.

Und er rief zu sich alle Schuldner seines Herrn und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?

Er sprach: Hunderte Tonnen Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm einen Brief, setze dich und schreib flugs fünfzig.

Danach sprach er zu dem andern: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Malter Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief und schreib achtzig.

 Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klüglich gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts in ihrem Geschlecht.

 

Um diesen Text machen Prediger gern einen großen Bogen, aber auch treue Bibelleser. Das Gleichnis scheint so wenig zu den übrigen Gleichnissen Jesu zu passen. Dabei sind es doch gerade die Gleichnisse, oft aus der Naturerfahrung genommen oder eben aus der Alltagswelt, die uns so unmittelbar ansprechen. Nun spiegelt fraglos auch dieses Gleichnis unsere Lebenswelt wider, zumal die ökonomische und finanzielle, deren Probleme uns gerade jetzt weltweit auf den Nägeln brennen, aber es berührt uns doch sehr fremdartig.

Dennoch, aktueller kann kein Gleichnis sein, wenn wir an die „bad banks“ denken, an die Raffinesse, mit der Reiche ihr Geld vor dem Fiskus verbergen, wie Konkursanmeldungen verzögert werden zugunsten des eigenen Vermögens.

Aber die Botschaft de Gleichnisses scheint doch so gar nicht zu der Botschaft Jesu zu passen! Im Dritten Reich hatte man gerade auf dieses Gleichnis verwiesen – Frau Ludendorf voran – und es eins der grauenvollsten Gleichnisse Jesu genannt. Hier ließe Jesus seine Maske fallen und sein wahres Gesicht käme zum Vorschein.

Darin haben die Kritiker sicher Recht: Dies Gleichnis fällt aus dem Rahmen der Verkündigung Jesu, wie sie uns geläufig ist. Aber wir sollten nicht drüber hinwegsehen, daß es fremde Seiten im Auftreten und in der Verkündigung Jesu gibt, die nicht einfach als aktuelle Zeitgenossenschaft und als zeitbedingt abgetan werden können. Jesus predigte so, daß die Menschen nicht nur über seine Reden sich verwunderten, weil er „gewaltig“ redete. Nein, sie erschraken auch über seine Worte. Über dieses Gleichnis werden sie sich wohl auch „entsetzt“ haben.

Übrigens hat auch Lukas mit dem Gleichnis Schwierigkeiten gehabt und ihm Sätze Jesu aus anderen Zusammenhängen hinzugefügt, die korrekt und sinnvoll sind, aber die das eigentliche Ziel des Gleichnisses schwächen, wenn nicht verfehlen, wie wir noch sehen werden.

Doch schauen wir genauer hin. Alle Gleichnisse Jesu zeichnen sich durch eine unerhörte Klarheit und Eindeutigkeit aus. Das gilt auch für dieses Gleichnis. Es ist aus dem damaligen Geschäftsgebaren reicher Zeitgenossen genommen. Der Konkurrenzkampf, die Arbeitsmethoden der Händler waren zu allen Zeiten mehr oder weniger gleich. Wer sich auf einer Ferienreise heute auf Händler in Nordafrika oder dem Nahen Osten einläßt, wird das schnell bestätigen. Man sucht den eigenen Vorteil, ist klug, beweglich – vielleicht auch gerissen.

 

Ein Verwalter, sagen wir der Finanzfachmann oder Prokurist einer Firma, wird von seinem Chef zur Rechenschaft gezogen, denn unlautere Geschäfte sind dem Chef zu Ohren gekommen. Jedem ist klar, daß ihn das seine Stellung kosten wird, wenn die Gerüchte sich als wahr erweisen.

Wie verhält sich der Wirtschafts- und Finanzfachmann? Er hat nur noch wenig Zeit, bis der Chef einen Schlußstrich unter seine Buchführung machen wird. Darüber gibt er sich keinen Illusionen hin. Aber noch ist es nicht so weit. Noch besitzt er alle Vollmachten. So nutzt er in fieberhafter Eile die ihm verbliebene Zeit und Macht. Er nutzt die Zeit. Ob ihn das rettet, wird im Gleichnis nicht ausdrücklich gesagt. Dennoch wird er gelobt. Warum?

1. Er gibt sich keinen Illusionen hin, sondern macht sich schonungslos klar, in welche ausweglose Lage er sich durch sein Geschäftsgebaren manövriert hat. Der Chef wird ihn entlassen. Nicht einen Augenblick verheimlicht er sich die Aussichtslosigkeit seiner Lage. Er vertraut nicht dem Zufall, der darin bestehen könnte, daß einige Fehler nicht entdeckt werden.

   Vor Jahren erzählte mir ein Ministerialbeamter, daß er ziemlich schwere Fehler gemacht habe. Aber er werde sie „aussitzen“ - wie man das damals in Bonn nannte - und hoffen, daß niemand sie entdeckt.

Und sie wurden nicht entdeckt!

Der Mann unseres Gleichnisses resigniert auch nicht. Er geht mit sich selbst ins Gericht und schaut illusionslos in die Zukunft. Wenn es überhaupt noch etwas Licht im Tunnel geben kann, dann nur dadurch, daß er nach vorne blickt. Er darf nichts von der Vergangenheit erwarten, nichts von dem bisher erworbenen Wohlstand erhoffen. In der Zukunft liegt sein Schicksal. Nicht das Vergangene, sondern das auf ihn Zukommende ist der entscheidende Aspekt der Gegenwart.

2. Nüchtern prüft er die Möglichkeiten, die sich ihm noch bieten. Dem sozialen Ruin will er auf jeden Fall entgehen. Er will nicht betteln müssen, nicht Steine klopfen. Beide Möglichkeiten sind für ihn keine. „Was soll ich tun?“ fragt er.

Es ist diese Frage, die Menschen stellen, wenn sie Jesus begegnen, wenn sie seine Botschaft hören. Diese Frage, die die ausweglose Grundverlegenheit des Menschen wiedergibt, stellt der Verwalter in sachlicher Nüchternheit. Mit halben Antworten gibt er sich nicht zufrieden. Er weiß, was er will. Und darum sucht er so lange, bis er den ihm möglich scheinenden Weg dazu findet.

3. Not macht erfinderisch. Er wirft nicht die Flinte ins Korn. Er taxiert die möglichen Mittel, die ihm helfen könnten. Dabei bleibt er in dem geschäftlichen Milieu, in dem er sich bisher bewegt hat. Er verändert die Schuldscheine der Gläubiger seines Chefs. Dabei rechnet er, der Betrüger, daß diejenigen, denen er geholfen hat, mit ihrer Schuldenlast fertig zu werden, ihm dankbar sein werden. Sie werden ihm später helfen, wenn er in der gleichen Situation sein wird, in der sie sich jetzt befinden. Eine Hand wäscht die andere.

Wir wollen, liebe Gemeinde, unsere Gedanken nun nicht ablenken und an vergleichbare Abschreibungen bei Banken und Bankern denken, sondern auf den Schlußsatz des Gleichnisses hören. „Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klüglich gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter Ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts in ihrem Geschlecht“ (V 8).

Dieser Satz ist so überraschend und irritierend, daß verschiedene Übersetzer den griechischen Begriff „kyrios“ so übersetzte haben (Engl. „master“), daß damit der Chef des ungerechten Haushalters gemeint sei. Aber das macht keinen Sinn. Der Betrogene wird nicht den Betrüger loben. Nein, mit „kyrios“ ist in den Evangelien Jesus gemeint.

Wir müssen also genau hinhören, was dort geschrieben ist. Jesus lobt den Mann allein deswegen, weil er klug gehandelt hat. Er lobt nicht seine Taten. Er wird ausdrücklich „ungerechter Haushalter“, ein betrügerischer Verwalter genannt. Er ist und bleibt ein Betrüger. Seinen früheren Unregelmäßigkeiten hat er durch die letzten Betrügereien noch die Krone aufgesetzt. Betrug bleibt Betrug. Auch in Jesu Augen bleibt er der „ungerechte Haushalter“. Allein seine Klugheit wird uns zum Vorbild hingestellt. So klug wie er sollen wir handeln, denn wir alle leben in der gleichen Situation der Schuldverstrickung.

So klug sein wie der Verwalter heißt 1. Daß wir unsere Situation so realistisch und schonungslos wahrnehmen, wie sie ist. Und das heißt, unsere Schuldverstrickungen gegenüber den Mitmenschen und gegenüber Gott erkennen und uns eingestehen. Gerade letzteres fällt uns so schwer. Es gibt so viele Entschuldigungen, so unendlich viele Möglichkeiten, die Augen gegenüber dem eigenen Versagen zu verschließen. Und daß es ein göttliches Gericht über uns geben wird, davon wagt kaum noch ein Prediger zu sprechen. Gerade weil das so ist, brauchen wir die Selbsterkenntnis, die uns die Augen öffnet und bereit macht, nach Wegen aus der verfahrenen Situation zu suchen. Weil wir diese doppelte Schuldverflochtenheit erkennen müssen, darum lehrt uns Jesus täglich zu beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“!

Zu der notwendigen Klugheit gehört 2. daß wir nicht in die Vergangenheit zurückblicken, sondern den Blick nach vorn richten. Viele von uns sind wie Ruderer, die nach vorn rudern mit dem Blick nach hinten. Der Blick in die Vergangenheit lähmt den Aufbruch nach vorn. Das gilt für unser persönliches Leben, aber gilt auch für die Kirche. Nicht in Wehmut oder belastet mit Ängsten zurückschauen, nicht sich nostalgischen Erinnerungen hingeben, sondern nur waches Schauen nach vorn ist gefragt. Dort vor uns, in der Zukunft sind die Lösungen unserer Probleme zu suchen. „Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück“, warnt Jesus, „der ist nicht geschickt zum Reich Gottes“ (Lk 9, 62).

Angst vor der Zukunft ist für Christen nicht angebracht, denn das kommende Reich befreit unsern Blick und reißt alle dunklen Schleier vor unsern Augen entzwei. Wir werden befreit, mutige Schritte in unserm Leben zu tun, mutige Visionen für unsere Kirche zu haben. Die von uns geforderte Klugheit kennt nicht ängstliche Herzen, sondern vertraut darauf, daß Gottes Geist selbst uns die notwendige Phantasie gibt, die für unsere persönliche, kirchliche und gesellschaftliche Zukunft richtigen Schritte zu wagen.

Natürlich geht es nicht, noch einmal die falschen Wege einzuschlagen, noch einmal falsche Hilfsmittel anzuwenden, auch wenn sie kurzfristig scheinbar geholfen haben. Davor warnen die dem Gleichnis angefügten Sprüche: Nur wer in kleinen Dingen treu ist, dem kann man große anvertrauen. Von einem Verwalter erwartet man Treue, Verläßlichkeit, heißt es dort (V 10). Über diese Tugenden müssen wir nicht streiten, auch wenn sie heute nicht mehr selbstverständlich sind.

Diese Sprüche verdecken aber einen Aspekt des Gleichnisses, den wir nicht übersehen sollten. Wenn Jesus den Verwalter lobt, aber dabei seine listigen, verbrecherischen Geldmanipulationen nicht übersieht, trennt er den Menschen von seinen Werken. Er nagelt den Menschen nicht auf seine Werke fest. Wie oft hat Jesus so gehandelt, daß er Verrufene der Gesellschaft empfing, aber ihre Taten geißelte. Jesus hat zwischen Person und Werk unterschieden. Das ist das Geheimnis seines Auftretens, seines Umgangs mit Menschen. Das aber ist auch der Kern reformatorischer Theologie – und letztlich auch der Menschenrechte heute: Hier wird im Gleichnis durch Jesus klar gemacht, was es heißt, daß die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wie schwer ist es, das im Alltag zu leben. Unsere unmittelbare emotional gesteuerte Reaktion geht immer dahin, den Menschen nach seinem Tun zu beurteilen. Wie schnell wird nach Strafe, Rache und Selbstjustiz gerufen, wenn ein Verbrechen bekannt wird. Die andere Haltung aber, den Menschen nicht nach seinem Tun zu beurteilen und zu verurteilen, wird von uns gefordert: Von jedem Arzt, den Schwestern und Pflegern, die einen Patienten bestens versorgen, wie selbstverschuldet auch immer die Krankheit ist und mit welcher Krankheit er andere infiziert haben mag. Diese Haltung wird von allen Mitarbeitern in Gefängnissen erwartet, daß sie die Würde der Gefangenen achten, welche Verbrechen sie auch begangen haben. Und wie Jesus die Klugheit des Verwalters lobt und nur diesen Aspekt herausgreift, so sollte, so muß jeder Sozialarbeiter und Psychologe im Gefängnis nach jenem Punkt suchen, an dem er den Gefangenen auffangen und aufbauen kann, so daß dieser den Blick für ein zukünftiges Leben wiedergewinnt. So sollte jeder Seelsorger handeln, so auch wir im Umgang mit unserem Nächsten.

Diese grundlegende theologische Einsicht liegt auch dem zentralen Gedanken unserer Rechtsprechung zugrunde, nach der die Resozialisierung Vorrang haben und das Strafmaß sich daran orientieren soll.

Anerkennung! Den anderen in seiner Würde anerkennen, unabhängig von dem, was er getan hat und tut, ist die Aufgabe eines jeden von uns. Hier gilt Jesu Wort: „Seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben“ (Matt. 10, 16).

                                                                         

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013
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