27.04.2014: Prof. Dr. Christoph Strohm über 1 Kor 12,1-11

Predigt am 27.4.2014, im Universitätsgottesdienst, Peterskirche, Heidelberg

Predigttext I Kor 12,1-11

 

 

Prof. Dr. Christoph Strohm

 

 

 

1 Über die geistlichen Gaben aber will ich euch, liebe Brüder, nicht ohne Erkenntnis lassen.

2 Ihr wisset: Als ihr Heiden waret, zog es euch mit Macht zu den stummen Götzen.

3 Darum tue ich euch kund, daß niemand Jesus verflucht, der durch den Geist Gottes redet; und niemand kann Jesus den HERRN heißen außer durch den heiligen Geist.

4 Es sind mancherlei Gaben; aber es ist ein Geist.

5 Und es sind mancherlei Dienste, aber es ist ein Herr.

6 Und es sind mancherlei Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirket alles in allen.

7 In einem jeglichen offenbaren sich die Gaben des Geistes zu gemeinem Nutzen.

8 Einem wird gegeben durch den Geist, zu reden von der Weisheit; dem andern wird gegeben, zu reden von der Erkenntnis, nach demselben Geist;

9 einem andern der Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist;

10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern Weissagung; einem andern, Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern, die Zungen auszulegen.

11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeglichen das Seine zu, wie er will.

 

Liebe Gemeinde,

„Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ So begann der Nachruf auf ein treues Gemeindeglied einer Heidelberger Gemeinde, der vor ein paar Wochen im Gemeindebrief zu lesen war. Dann stand in dem Nachruf noch mehr über alle möglichen Engagements des Mannes für seine Gemeinde, und dass er auch Schweres zu bestehen hatte – er verlor als junger Mann bei einem Motorradunfall ein Bein – und dabei doch ein fröhlicher Mensch blieb.

 

„Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ Dass der Nachruf über ein Gemeindeglied so beginnt, ist sachgemäß. Denn es ist das vornehmste Zeichen der Geistesgegenwart, dass Menschen Gott glauben, ihn den Herrn heißen und sich seine Zuwendung gefallen lassen; dass sie zeigen, dass sie sich auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen wissen; dass sie sich nicht zu stolz dazu fühlen. Martin Luther sah die eigentliche Tiefe der Sünde in solchem Hochmut, der meint, nicht auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen zu sein; der letztlich nur auf sich selbst schaut und vertraut, in sich selbst verkrümmt ist; wo man sich selbst zum Schöpfer macht.

 

Paulus versucht im 12. Kapitel des Briefes an die Korinther einmal mehr, Probleme in deren Gemeindeleben zu lösen. Offensichtlich meinten manche, über besonders eindrucksvolle Geistesgaben zu verfügen, und machten sich damit auf Kosten anderer wichtig. Es ist die Rede von denen, die besonders gut und klug reden konnten, von Wunderheilern und Propheten, die die Gabe der Weissagung hatten. Und dann gab es noch Leute, die in Zungen reden konnten, d.h. unter Zuckungen unverständliche Laute ausstießen, und wieder andere, die diesem ebenso sinnlosen wie eindrucksvollen Gestammle einen Sinn verleihen konnten. Die Zungenrede oder Glossolalie muss von den Schlichteren in der Gemeinde gerade um des Spektakulären willen als besonders kräftiger Erweis des Geistwirkens verstanden worden sein. Und das Phänomen war in der Antike verbreitet, so dass die ganze Sache keineswegs so bizarr wirkte wie für uns heute. Manche glaubten wohl, je unnatürlicher und spektakulärer es zugeht, umso sicherer ist das ein Hinweis auf das Wirken des Geistes Gottes.

 

Paulus hingegen nennt lediglich zwei Kriterien, wenn es um die Bewertung von Geistesgaben geht; zum einen, ob sie im Vertrauen auf den lebendigen Gott und der Demut, ihn allein als Herrn anzurufen, erfolgen; zum anderen, ob sie zum gemeinen Nutzen sind. Wo kein Egoismus mehr ist, Bereitschaft zur Hingabe und zum Opfer, da ist das ein Zeichen von Geistesgegenwart. Im nächsten, dem 13. Kapitel des Briefes, dem Hohen Lied der Liebe, wird die Kritik an Selbstbezogenheit, Eitelkeit und Egoismus noch einmal zugespitzt. Ohne Liebe sind all die vermeintlichen Geistesgaben überhaupt nichts wert.

 

Paulus‘ Erörterungen der Gemeindeprobleme im 1. Korintherbrief offenbaren die Andersartigkeit bzw. Fremdheit der frühen Christenheit im Vergleich zu unserer gegenwärtigen Welt. Sie zeigen aber auch das Gleichbleibende. Damals wie heute sind Selbstbezogenheit und kleingestricktes Geltungsbedürfnis ein entscheidendes Hindernis gelingenden Gemeindelebens. Die Unterschiede zwischen damals und heute sind ebenso offensichtlich. Niemand von uns ist der Zungenrede mächtig oder vermisst sie. Ebenso können wir gut auf Leute verzichten, die uns Unheil oder Heil prophezeien. Und gegen Wunderheiler gibt es ebenfalls begründete Skepsis. Noch grundsätzlicher zum Unterschied von damals und heute: Wir sind keine Minderheitengemeinde, die von den Herrschenden oder der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert oder gar verfolgt wird. Ganz im Gegenteil, wir tragen Verantwortung, primär im Bereich der Universität, aber natürlich auch sonst; bis dahin, dass wir als Wählerinnen und Wähler unmittelbare Verantwortung für das ganze politische Gemeinwesen tragen; oder vielleicht sogar selbst Stadtratskandidaten sind.

 

Da bedarf es einfach eines gewissen Maßes an Aktualisierung der biblischen Texte, ohne dass man das gleich als Anpassung an den Zeitgeist abtun kann. Zwei Grundentscheidungen helfen bei der Suche nach der Bedeutung des Textes aus dem Brief an die Korinther heute. Die erste ist, dass Paulus seine Erörterungen nicht mit einer Entgegensetzung von Kirche und Welt – „böser“ Welt – beginnt. Die entscheidende Alternative wird vielmehr in unseren eigenen Biographien lokalisiert: Vertrauen auf Götzen, die doch nur stumm sind, oder auf den lebendigen Gott. An anderer Stelle hat Paulus diese Alternative genauer erläutert. Vertrauen auf den lebendigen Gott bedeutet, dass ich ihn und nicht mich selbst als meinen Schöpfer glaube, dass ich mein Leben als Geschenk verstehe, dankbar dafür bin und es weitergeben kann. Das Gegenteil von solchem Leben im Geist ist das „fleischliche“ Leben, das ist das Leben, das auf sich selbst fixiert lebt, immer in der Sorge, zu kurz kommen, und darauf ausgerichtet, den eigenen Lebensgenuss zu erhöhen, ohne Rücksicht auf den Mitmenschen.

 

Ich kenne einen Naturwissenschaftler, der sich sein Leben lang gemüht hat, die Sache des christlichen Glaubens zu begreifen; das Geheimnis, dass der lebendige Gott sich uns in dem gekreuzigten Herrn zuwendet. Jetzt ist er alt geworden. Seine Frau musste schließlich in ein Heim, weil das Leben mit der Demenz zu Hause einfach nicht mehr möglich war. Nun kommt er jeden Tag in das Heim, um seine Frau zu besuchen. Die Kinder erkennt sie schon nicht mehr, auch den Mann nur zum Teil. Noch anderes Schlimmes passiert. Gleichwohl kommt der Mann in großer Treue, und dann gibt es eben auch Momente des Glücks. In solcher Hingabe, in solcher Fähigkeit zur Hingabe offenbart sich – ganz und gar unspektakulär – die Gabe des Geistes. Hier ist Geistesgegenwart. Das ist Leben aus dem Geist, auch wenn einem die Worte, das zum Ausdruck zu bringen, fehlen.

 

Noch eine zweite Grundentscheidung des Paulus hilft uns bei der Frage nach der aktuellen Bedeutung der Rede von den Geistesgaben. Paulus hebt ausgesprochen klar die Vielfalt der Gaben hervor. In einer Gesellschaft, die wie kaum je zuvor von Pluralisierung und Individualisierung gekennzeichnet ist, bedeutet das ein Plädoyer für Vielfalt in der Kirche. Christsein hat heute sehr unterschiedliche Gestalten. In Paulus‘ Aufzählung der Geistesgaben kommen sehr unterschiedliche Stile, Christsein zu leben, zum Ausdruck. Zwischen derjenigen, die sich philosophisch gebildet um ein kluges Verstehen der heiligen Texte bemüht, und demjenigen, der die ekstatische Verzückung sucht, liegen mehr als nur Stilunterschiede. Da wird es schwierig, in einer Gemeinde zusammenzuleben. Das ist ja heute nicht anders, wo wir denkbar verschiedene Weisen, Christsein zu leben, vor Augen haben; wo in unserer Kirche denkbar verschiedene Beurteilungen grundlegender ethischer Fragen aufeinanderstoßen. Paulus wirbt darum, auch Andersartiges gelten zu lassen, den eigenen Stil und die eigenen Grundentscheidungen nicht absolut zu setzen; bei allem notwendigen Ringen um die Wahrheit.

 

Eine Frage bleibt noch: Welche Geistesgaben im Sinne der Aufzählung des Paulus wären heute besonders wichtig? Angesichts eines außerordentlich starken Traditionsabbruchs in der Gegenwart könnte man antworten: die Geistesgabe des klaren und auch lauten Bekennens in der Welt. Wir sind aber angesichts eines medialen Dauerbombardements skeptisch und vorsichtig mit den großen Worten geworden. Der im Januar 1945 im KZ Dachau verstorbene, westfälische Pfarrer Ludwig Steil hat das angesichts der von den Nationalsozialisten virtuos gehandhabten Manipulation großer Gefühle treffend formuliert: „Wir sind der großen Worte müde, denn unsere Füße stecken viel zu tief im Staub. Es geht nicht um beredtes Zeugentum, sondern um das Beharren in der Anfechtung und oft genug um das schweigende Bekennen.“[1]

 

Solches schweigende Bekennen erfolgt in dem Handeln des Mannes, der selbstverständlich für seine demente Frau da ist. Aber Geistesgegenwart hat nicht nur mit Opfer zu tun, sondern zuallererst mit Vertrauen, Glauben und der dadurch ermöglichten Gelassenheit. Es gibt Menschen, denen ist es geschenkt, dass sie auf die bittere Erfahrung des Alters, dass einem Stück für Stück an Gesundheit, Bewegungsfähigkeit, Freundschaften genommen wird, nicht mit Verbitterung reagieren; die werden vielmehr umso dankbarer für all das, was sie gehabt haben, und das bisschen, was sie an Lebensqualität noch haben. Solches Vertrauen und solche Gelassenheit ist ein Geschenk, eine Geistesgabe und heute ein besonders wichtiges Zeichen der Geistesgegenwart – und auch ein besonders wertvoller Zeugendienst.

 

Der Mann, von dessen Nachruf ich eingangs erzählte, war in seiner Gemeinde auf verschiedene Weise engagiert, als Schatzmeister beim Gemeindefest, auch als Mitglied des Ältestenkreises, der bei uns ja „Kapitel“ heißt. Das ist alles wichtig und wertvoll. Noch wichtiger aber ist, dass er ein Zeuge geworden ist, mit seiner treuen Präsenz im Gottesdienst und auch seiner Gelassenheit und Fröhlichkeit und offensichtlich einem bei allem Schweren, das er schon als junger Mann erlebt hat, bewahrten Humor. So verstehe ich den Satz des Nachrufs: „Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ Schöner kann man das nicht sagen über einen 87jährigen Menschen, der in der Jugend ein Bein durch einen Motorradunfall verloren hat.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.



[1] Zit. in: Werner Oehme, Märtyrer der evangelischen Christenheit 1933-1945, Berlin 31985, 166.

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 30.07.2014
zum Seitenanfang/up