27.10.2019: Hochschulpfarrerin PD Dr. Jantine Nierop über Joh 5,1-16

Predigt über Joh 5,1-16 im Einführungsgottesdienst in der Peterskirche am 27.10.2019

Hochschulpfarrerin PD Dr. Jantine Nierop

 

Liebe Gemeinde,

wunderschön ist es, mit so vielen Menschen an einem so schönen Ort versammelt zu sein, unter uns Menschen aus vielen verschiedenen Gemeinden, Christen, und unter uns – wie ich weiß – auch einige Nicht-Christen.

Gerade heute am Tag, wo ich als Pfarrerin ein Teil der Heidelberger Universitätsgemeinde und der ESG werde, frage ich mich: Wie wollen wir als Christen Gemeinde sein? Und ich freue mich, dass gerade der heutige Predigttext so tiefe Einblicke vermittelt in die Sache - und das Geheimnis des Christ-Seins, christlicher Gemeinschaft ganz in den Mittelpunkt stellt.

Johannes 5,1-16

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;

3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.

6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Es war aber Sabbat an diesem Tag.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.

11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!

12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?

13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Liebe Gemeinde, ich entdecke in der Geschichte vom kranken Menschen am Teich von Betesda ein Gerüst: ein Gerüst, das aus drei Fragen besteht. Eine komische Frage, eine versteckte Frage und eine falsche Frage. Dieses Gerüst trägt die Geschichte.

Wer sich das Gerüst genauer anschaut, sieht: Es sind eigentlich drei Fragen und eine Antwort. Die Antwort ist das Herz der Geschichte. Sie trägt die Erzählung und sie trägt auch uns, uns als Menschen, und als Gemeinschaft.

  1. Eine komische Frage.

„Willst du gesund werden?“, fragt Jesus den kranken Mann, der seit 38 Jahren gelähmt am Teich von Betesda liegt. Natürlich! Natürlich will er gesund werden. Nichts lieber als das! Wenn er nur könnte! Dies ist doch keine Sache von Wollen, dies ist ein Fall von Nicht-Können: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt.“

Man glaubte damals, dass das Wasser im Teich von Betesda Heilkraft besaß, und zwar in dem Moment, wenn es sich bewegt. Der kranke Mensch aus der Geschichte kommt aber gar nicht erst hin, das heißt: nicht schnell genug: „Wenn ich hinkomme, so ist ein anderer bereits vor mir hineingestiegen“, sagt er. So liegt er da, seit 38 Jahren. Was für kaputtes Leben, unvorstellbar.

„Willst du gesund werden?“, fragt Jesus – komisch, ausgerechnet aus Jesu Mund. Jesus zeigt uns die Liebe Gottes, eine Liebe, die Menschen sieht, die sie sieht als Person, in ihrer je eigenen Lage, in ihrer je eigenen Not.

Jesus sieht doch, was los ist. Wie erbärmlich die Situation ist gerade dieses kranken Menschen. Deswegen hat er ja gerade auch ihn angesprochen am Teich: weil dieser Mensch von allen Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten, die dort waren, am allerschlimmsten dran war. Weil er, wie er sagt, keinen Menschen hat, der ihn in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt.

Er hat keinen Menschen. Nicht die Krankheit ist das Hauptproblem, sondern, dass er keinen Menschen hat: er ist allein, einsam. Ein Schrei der Verzweiflung und zugleich der Hoffnung, denn endlich findet sich einer, der ihn anspricht, der seine Einsamkeit durchbricht, der ihm helfen kann!

Jesus hat ihn gesehen, wie Gott Menschen sieht, wie vielleicht nur Gott Menschen sieht.

Jesus hat sich mit Bedacht gerade diesen Kranken zugewandt. Aber - warum fragt er dann so komisch?

Ist es nicht das Allerselbstverständlichste auf der Welt, dass dieser Mensch nichts lieber als gesund werden will?

Die Geschichte geht weiter. Jesus heilt den Menschen. Er sagt zu ihn: „Steh auf, nimm deine Liege und geh hin!“ So läuft er nun herum, durch die Straßen von Jerusalem mit der Liege, worauf er 38 Jahre seines Lebens verbracht hat. Es ist aber Sabbat, Ruhetag. Da gelten Regeln. Da darf man nicht mit einer Liege herumlaufen, das ist nicht erlaubt.

Nun folgt auf die komische Frage eine versteckte Frage.

  1. Eine versteckte Frage

„Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, deine Liege zu tragen“, sagen ihm Menschen auf der Straße. Mit anderen Worte: Was machst du da???

Angefragt wird der geheilte Mensch. Angefragt mit der richtigen Behauptung, dass am Sabbat Regeln gelten, die vernieten, was er macht. Angefragt auf versteckte Weise. Eine Anfrage, die das Du vermeidet. Eine Anfrage in der dritten Person. Auch jetzt, als Geheilter, ist dieser Mensch einsam.

Und so antwortet er auch, als einsame Seele: „Der Mensch, der mich gesund gemacht hat, der hat zu mir gesagt: Nimm deine Liege und geh hin!“ Die Heilung versteckt in einem Nebensatz. Was für eine Armut. Könnte man doch ein Freudenschrei erwarten: „Menschen, ich bin gesund geworden! Ich kann gehen! 38 Jahren war ich krank und nun bin ich geheilt! Deswegen laufe ich heute herum.“

Er traut sich nicht. Wo kein Du, dort kein Ich! Was für eine Kontaktarmut. Eine Konversation auf sehr niedrigem Niveau – angesichts des großen Ereignisses.

Wo kein Du, dort kein Ich. Verständlich. Nachvollziehbar, dass der Geheilte sich nicht traut, aus sich heraus zu kommen.

Und doch. Gesehen ist man immer schon. Als Kind Gottes, in seinen Augen.

Jesu Frage verstehe ich nun. Es ist, als ob er die Situation vorhergesehen hat.

Willst du gesundwerden?“, fragte er. „Bist du bereit, deine Heilung anzunehmen, sie zu feiern, sie zu leben?“

Jesus fragt nach seinem Willen, nach seiner Seele, nach seinem Ich.

„Bist du bereit, dich selbst zu sein, ja, du selbst zu sein – weil ich dich sehe?“

„Bist du bereit, für dich, für deine Befreiung, einzustehen – unabhängig von der Wahrnehmung anderer Menschen?“

Der Geheilter ist nicht bereit. Auch das kann ich irgendwie nachempfinden.

  1. Eine falsche Frage

Wie geht die Geschichte weiter? Auf die versteckte Frage der Menschen auf der Straße folgt eine falsche Frage. Die gleichen Menschen, die menschlichen Kontakt vermieden, machen nun aus Nebensachen Hauptsachen. Das ist auch eine Kunst. Mit christlicher Lebenskunst hat es allerding nicht viel zu tun.

Der Geheilte sagte: „Der Mensch, der mich gesund gemacht hat, der hat zu mir gesagt: Nimm deine Liege und geh hin.“

Die Menschen fragen nun: „Wer hat dir gesagt: Nimm deine Liege und geh hin?“

Dies ist die komplett falsche Frage. Richtig wäre natürlich: „Wer hat dich gesund gemacht?“

Denn das ist die Hauptsache!

Und doch, auch diese Frage kann ich nachempfinden, wenn der Geheilte selbst seine Heilung im Nebensatz versteckt.

Aber absurd ist es. Nach 38 Jahren wurde jemand geheilt, kann zum ersten Mal wieder gehen, und nun geht es darum, dass er mit einer Liege umhergeht! Was für eine Armut.

Wie wäre es mit Mit-Freude, Mit-Gehen?

„Hey, du bist gesundgeworden, kannst wieder gehen! Ich freue mich und geh mit dir.“

Aber der geheilte Mensch bleibt allein.

  1. Jesu Antwort

Im Tempel sieht er Jesus wieder. Und dieser bringt ihn mit einem paar Worten zum Kern der Sache zurück. Sie ist zu verstehen als eine Antwort, auch wenn der Geheilte faktische keine Frage gestellt hat. Die Frage hätte sein können: Was läuft hier eigentlich schief? Und Jesu Antwort lautet:

„Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr.“

„Stehe zu deiner Heilung. Lebe sie, feiere sie. Komm an in deiner Seele.“

Auch wir lernen hier: eine Lektion christlicher Lebenskunst.

Christliche Lebenskunst, das ist: ein Ich sein, du selbst sein, weil Kind Gottes, weil gesehen in seinen Augen.

Heilung annehmen können - und denke daran: Heilung ist mehr und manchmal auch anderes als Genesung. Froh sein können und dankbar. Lobe den Herrn, meine Seele.

Christliche Lebenskunst, das ist auch: im Umgang mit Anderen stets das Du suchen, direkte Ansprache – und auf diese Weise echten Kontakt herstellen mit Brüdern und Schwestern, die Menschen sind wie wir.

Und wichtig: die Hauptsache von Nebensachen unterscheiden können, wissen, worauf es im Leben ankommt – und worauf nicht. Auf Vieles kommt es nicht an. Auf Manches dann aber doch.

Zum Beispiel, wenn ein Mensch sein Leben zurückbekommt, was für Großereignis, und wir dürfen es miterleben. Vielleicht bist du es auch selbst.

Mögen wir in der Universitätsgemeinde und in der ESG diese Fähigkeiten immer wieder einüben.

Möge die Kirche ein Ort christlicher Lebenskunst sein. Solche Gemeinschaft wäre reich.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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Letzte Änderung: 28.10.2019
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