27.11.2016: Prof. Dr. Helmut Schwier über "Freude" zum ersten Advent

Predigt am 1. Advent, 27.11.16, im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

 

„Die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10b)

 

„Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (Mt 21,9) – „Habt ihr nie gelesen: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«“ (Mt 21,16)

 

 

Georg Philipp Telemann (1681-1767): „Lauter Wonne, lauter Freude“, Adventskantate aus der Sammlung „Der Harmonische Gottesdienst“ (1725) für hohe Stimme, Blockflöte und Basso continuo (TWV 1:1040)

Text von Matthäus Arnold Wilckens (1704-1759?)

 

Arie:

Lauter Wonne, lauter Freude, spielt in meiner regen Brust.

Doch dem flammenreichen Herzen

ist anitzt [= jetzt, nun] kein sündlichs Scherzen

einer eitlen Glut bewusst: Gott allein ist seine Lust.

 

Rezitativ:

Dort labet sich ein Kind der Eitelkeit an aller Wollust dieser Zeit;

ein andrer ist auf Geld und Gut entflammt und seine Freude wächst zugleich mit seinen Schätzen;

der dritte wünschet kein Ergetzen, das nicht danebst aus hoher Ehre stammt;

der vierte, wenn er sich an Feinden rächen kann, sieht dies für sein Vergnügen an;

noch andern muß aus andern Dingen der Vorwurf ihrer Lust entspringen.

Allein, wie schlecht ist diese Freude, wovon der Grund so leicht, ja oft so plötzlich weicht!

Wie schädlich ist die Weide, die zwar, den Augen nach, beliebte Blumen trägt,

und dennoch lauter Gift in allen Blättern hegt!

Ach, welcher sich in Christo nicht erfreut, dem bringt sein Freuen lauter Leid.

In Gott allein wird solche Lust gefunden, die mit Bestand und Seligkeit verbunden.

 

Arie:

Ein stetes Zagen, ein ewigs Nagen,

ein Trauern, das kein Ziel erhält,

beschließet den Jubel der lachenden Welt.

Doch wer sich Gott zur Freude setzet,

hat beides, was ihn hier ergötzet,

und was ihm ewig wohl gefällt.

 

 

Ausführende:

Carmen Buchert, Sopran

Carsten Wilkening, Blockflöte

Christoph Habicht, Violoncello

Carsten Klomp, Orgel

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

„Lauter Wonne, lauter Freude“ – die Adventskantate von Georg Philipp Telemann gibt den Ton unseres Gottesdienstes an. Wonne, Freude und Lebenslust – wunderbar!

Woran freuen Sie sich? Worauf und wozu haben Sie Lust? Mir fallen da erst einmal sehr einfache Sachen ein: Ich freue mich über gutes Essen und Trinken (sieht man auch). Ich freue mich, wenn wir hier so herrliche Musik genießen können wie heute und selbst kraftvoll miteinander singen. Ich freue mich über gute Begegnungen mit anderen Menschen – Begegnungen mit Wertschätzung, mit wechselseitigem Ernstnehmen, auch wenn etwas zu kritisieren oder zu verhandeln ist. Ich freue mich über Offenheit und Vertrauen in der Familie und unter Freunden. Ich freue mich über gute Leistungen meiner Studierenden, Vikarinnen und Vikare. Vor drei Wochen prüfte ich in einem Examensgottesdienst, ging hin mit gemischten Gefühlen und eher gedämpfter Erwartung und wurde von der Vikarin total überrascht: außergewöhnliche Liturgie, ernsthafte Predigt in Wort und Musik, glänzendes Kolloquium. Auf solche Pfarrerinnen und Pfarrer können sich auch die Gemeinden freuen.

 

Gibt es falsche und richtige Freuden? Gefährliche und ungefährliche? Die Kantate stellt dies in barocker Lust und Sprache vor Augen:

Da „labet sich ein Kind der Eitelkeit an aller Wollust dieser Zeit“ – in unseren multimedialen Zeiten gewinnt auch die Eitelkeit ganz neue Dimensionen und Möglichkeiten und die Wollust sowieso. Grandiose Narzissten gibt es immer.

„Ein andrer ist auf Geld und Gut entflammt“ – auch das ist zeitunabhängig. Was tut man nicht alles, um möglichst viel Geld zu verdienen? Das befeuert manche Karriereleiter und endet doch im Hamsterrad. Dann ist man am Ende arm, denn man hat nur Geld.

„Der dritte“ sucht sein Ergötzen an „hoher Ehre“ – anerkannt sein, geachtet werden, einen guten Ruf genießen, Forschungspreise erhalten: wer möchte das nicht? Aber werde ich nicht schnell davon abhängig, von anderen geehrt zu werden?

„Der vierte“ sieht die Rache an Feinden „für sein Ergötzen an“ – die kleine Rache soll ja nicht nur in der Politik, sondern auch an der Universität vorkommen. Hat der eine Kollege mich da nicht neulich fakultätsöffentlich angegriffen? Da hat er doch bei der nächsten Gelegenheit mal eine Retourkutsche verdient.

Und wer sich unter 1-4 jetzt noch nicht entdeckt hat, darf nun die offene Leerstelle des Dichters selbständig ausfüllen: „Noch andern muss aus andern Dingen der Vorwurf ihrer Lust entspringen.“

Diese barocke Lyrik des jungen Hamburger Textdichters Matthäus Arnold Wilkens erlaubt uns Heutigen einen augenzwinkernden und gleichwohl realistischen Zugang. Ich finde hier nicht wirklich einen peinlichen moralischen Zeigefinger oder gar ein zwanghaftes Christentum, die dann Widerspruch bräuchten. Vielmehr wird klar beschrieben, auf welchen Wegen Freude und Lust nur oberflächlich, kurzfristig sind, schnell einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, ja vielleicht sogar das Leben vergiften. Wunderbar in der Musik zu hören, wie angesichts des Zagens und Nagens das Lachen der Welt umkippt und unehrlich wird.

Aber wo wäre der richtige Weg, die beständige Freude, der nachhaltige gute Geschmack, das Gegengift? Hier ist der Text nicht mehr so vollmundig und ausmalend. Schade! Aber typisch christlich: das Negative wird breit geschildert, beim Positiven jedoch bleibt nur das Formelhafte – und das heißt hier: Wahre Lust und Freude wird nur in Gott gefunden.

Ich bin leider weder Lyriker noch Maler, doch werde ich mich bemühen, das Formelhafte aufzulösen und nach der Freude an Gott zu fragen und sie mit Hilfe der Bibel näher zu beschreiben.

 

In früheren Zeiten wurde nicht selten die Freude an Gott und die Freude an der Welt gegeneinander ausgespielt. Das mag in manchen Konstellationen stimmen und notwendig sein, aber in anderen auch nicht. Wer die Freude an der Welt verteufelt und die Freude an Gott vergeistigt, wird ziemlich freudlos durchs Leben laufen. Ich denke, dass die Freude an der Welt, die Lebenslust und die Freude an Gott zusammengehören. So höre ich auch Telemanns fröhliche und lustvolle Musik: sie ist voller Wonne und heiterer Glaubensfreude.

Für mich ist die Freude an Gott seit vielen Jahren ein wichtiges theologisches Thema. Das mag biographisch damit zusammenhängen, dass ich nach einem ziemlich freudlosen zweijährigen Konfirmandenunterricht von meinem Konfirmator einen halben Vers aus dem Buch Nehemia als Konfirmationsspruch erhielt: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10b). Dieser Konfirmationsspruch begleitet mich seitdem und fasziniert mich in seiner Schlichtheit immer wieder.

Wie ist die Freude an Gott hier begründet? Im biblischen Buch Nehemia zeigt dies der Priester und Schriftgelehrte Esra. Er überragt, wie es dort heißt, an Körpergröße alles Volk und steht zudem auf einer Kanzel, allerdings in Jerusalem unter freiem Himmel. Dort liest und predigt er Gottes Wort. Den aus dem Exil Zurückgekehrten, die schon einige Zeit in Israel lebten, aber noch nicht recht weitergekommen waren mit der neuen Stadt, dem neuen Tempel, der neuen Gesellschaft – ihnen zeigt Esra die Tora. Sie, Gottes Wort an sein Volk, hören die Menschen, ja, sie verstehen die eigentlich bekannten Worte ganz neu für ihre Situation: Gott ist seinem Volk und mir treu, Gott begleitet mich, er befreit, er schenkt mir seine Gebote als Maßstab für ein gutes Leben miteinander. Ich freue mich über Gott, denn er schweigt nicht. Er redet. Er hat seinen Willen in einem Buch kundgetan, das jeder lesen kann.

Begeistert werden Gottes Worte gehört und aufgenommen. Und darauf spricht Esra: „Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10). Und dann wird sieben Tage lang das Laubhüttenfest gefeiert: Erntefest, Fest der Rettung in der Wüste, Fest der Tora.

Lassen wir uns doch von Israel immer neu die Freude an Gott als Freude an der Tora zeigen! Möge uns diese Festfreude an der Bibel anstecken!

 

Der letzte Tag des Laubhüttenfestes heißt übrigens „Hoschana Rabba“, auf Deutsch: „das große Hosianna“. Hosianna heißt wörtlich übersetzt: „Hilf doch!“ Zur Zeit Jesu war es dann schon kein Hilferuf mehr, sondern fröhlicher Lobpreis: Hosianna, du bist der, der helfen kann! „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ So wird der König, der Helfer und Retter, freudig erwartet, begrüßt, bejubelt! Die Freude an Gott findet ihre Worte und ihren Ausdruck im Loben und Jubeln. Freude darf auch laut werden.

Auch diese Freude ist ansteckend. Die Kinder in Jerusalem hören das und singen das Hosianna für Jesus einfach weiter, auch mitten im Tempel, während Jesus dort die Blinden und Lahmen heilt. Die Hüter von Kult und Liturgie protestieren, aber Jesus antwortet ihnen mit einem Hinweis auf die Hl. Schrift, Ps 8: „Habt ihr nie gelesen: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«“ (Mt 21,16).

Freude am heilenden Gott im Munde der Unmündigen, Armen, Rechtlosen, im Munde der geheilten Blinden und Lahmen. Und Jesus sagt mit seinem Schriftzitat: Dieses freudige Lob hat Gott selbst sich bereitet; es ist wirkliches Gotteslob, denn Gott ist sein Urheber und sein Adressat. Gebe Gott, dass auch unser Loben ihn als Urheber und Adressaten hat: beim Hosianna im Abendmahl, beim Loben im Alltag!

 

Doch die ansteckende kindliche Freude im Tempel wird jäh beendet. Wir wissen es: Der Einzug in Jerusalem führt schließlich nach Golgatha. Jesus, der Christus, am Kreuz hingerichtet, einsam, von allen verlassen. Ende aller Hoffnungen, Ende aller Freude. „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt“.

Aber Gott bleibt Jesus treu, begleitet ihn im Tod, befreit ihn aus dem Tod. Im Licht der Osterfreude erkennen die Jünger: Gott handelt an Jesus, wie Jesus Gott verkündet und vorgelebt hat. Der Gott Israels und Vater Jesu Christi ist nicht oben, sondern unten, nahe den Unmündigen, Armen, Rechtlosen und Kranken, nahe denen, die alle Hilfe von Gott erwarten, nahe den Sterbenden und Toten. „Christe, du Lamm Gottes, ... erbarm dich unser, gib uns deinen Frieden.“

Und auch seine Ankunft in Jerusalem zeigte Jesus ja nicht als triumphierenden König, sondern als niedrigen und sanftmütigen Messias; reitet auf einem Esel statt auf einem prachtvollen Ross, Palmzweige und armselige Kleidung statt roter Teppich, Hosiannagesänge aus Kinderkehlen statt von religiösen Führern. Und schon seine weihnachtliche Ankunft in der Welt zeigte ihn als armen Menschensohn jenseits der guten Gesellschaft.

Krippe und Kreuz bleiben die irdischen Symbole seiner Botschaft. Die Osterfreude beseitigt das Kreuz nicht, sondern stellt es ins rechte Licht. Das Leiden wird nicht ignoriert, der Tod nicht verdrängt, die Angst nicht überspielt. An Leid, Tod und Angst kommt niemand von uns vorbei. Aber wir kommen hindurch!

Dann geht es nicht mehr darum, was wir erwarten vom Glauben, vom Leben, von der Zukunft. Sondern es geht darum, was uns erwartet, besser: wer uns erwartet. Die Freude an Gott reicht über unsere irdischen Grenzen hinaus, denn er erwartet uns mit offenen Armen, glücklich, dass er uns Verlorene wiedergefunden hat. Oder mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen: „Für uns Menschen sind die Unterschiede zwischen Tod und Leben ungeheuer groß. Für Gott fallen sie in eins zusammen“ (DBW 11, S.449).

Ist die himmlische Freude vorstellbar? Theologen, Maler und Musiker deuten sie meist als enorme Steigerung des Irdischen: paradiesische Mahlzeiten, Faulenzen und Ruhe, himmlische Engelsmusik, bei der frei nach Karl Barth selbstverständlich Bach gespielt wird, wenn Gott anwesend ist und Mozart oder Telemann, wenn die Engel unter sich sind; und ein wenig Jazz und Gospel sollte mindestens auch dabei sein!

Aber mit den Steigerungen ist das in der Ewigkeit so eine Sache. Die ewige Steigerung von Liturgie und Lobpreis kann auch abschreckend wirken; man muss nur an Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ denken. Der hatte bestimmt schon auf Erden keine Freude am Halleluja-Singen.

Ich kann mir die himmlische Freude nicht vorstellen oder ausmalen. Immer wenn ich es versuche, stoße ich zu stark auf eigene Wünsche und Projektionen. Ich vertraue jedoch darauf, dass gerade diese Wünsche und Projektionen dann völlig unnötig werden. Denn im Himmel verlängern oder steigern wir nicht unser irdisches Leben. Nein, wir sind total verwandelt zum neuen Leben durch Gott.

 

Man sagt uns evangelischen Christinnen und Christen ja gemeinhin wenig Lebens- und Glaubensfreude nach. Dabei haben wir allen Grund dazu! Denn wir nennen uns nach dem Evangelium; und Evangelium heißt: gute Nachricht, fröhliche Botschaft.

Diese Botschaft lässt sich in der Bibel entdecken und lesen. Oder mit Heinrich Heine gesagt: „Wer seinen Gott verloren hat, kann ihn in einem Buche wiederfinden.“

Diese Botschaft ist gut, denn Gott kommt bei den Menschen an, als ein Gerechter und ein Helfer. Hosianna dem Sohne Davids!

Diese Botschaft wirft alles um, denn Gott besiegt Sünde und Tod, befreit und verwandelt uns zum neuen Leben – neue Lebenslust und neue Freude inklusive. „Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein“ (Ps 126,2). Amen.

 

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Letzte Änderung: 28.11.2016
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