28.01.2018: Prof. Dr. Helmut Schwier zur Gloria Kantate (BWV 191)

Predigt zur Gloria-Kantate (BWV 191) im Universitätsgottesdienst am 28.1.18 in der Peterskirche

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

Collegium Musicum: BWV 191,1

„Gloria in excelsis Deo!“ Welch eine wundervolle Musik! Mit Menschen- und mit Engelszungen gesungen und musiziert. Dynamisch im Rhythmus, dann wieder tänzerisch leicht mit Koloraturen, die bis in den Himmel steigen. Zart in den Streicher- und Holzbläserklängen, kraftvoll und virtuos mit Pauken und Trompeten. So erklingt das Lob Gottes: unbändig, voller Lebensfreude, von der Erde bis in den Himmel und wieder zurück.

Welche Sprache sprechen eigentlich die Engel? Damals auf dem Hirtenfeld bei Bethlehem mag es die Sprache des Himmels gewesen sein, vielleicht auch aramäisch, damit es die Hirten verstehen. Lukas hat es aufgeschrieben, damit es die Christinnen und Christen im 2. Jh. verstehen – daher auf Griechisch. Andere haben es abgeschrieben, andere übersetzt in Latein oder in Deutsch – damit auch wir es lesen und verstehen.

Immer gab es beim Abschreiben und beim Übersetzen kleine Veränderungen, zum Teil auch größere Sinnverschiebungen. Da wir das Original der Engel nicht kennen, kann niemand sagen, welche Version richtig oder falsch ist. Die vorgenommenen Veränderungen und Verschiebungen verfälschen nicht, sondern sie bereichern das Verstehen und Loben.

Früh wurde der weihnachtliche Engelshymnus – durchaus in konfessionell unterschiedlichen Textversionen – Teil der christlichen Liturgien: damit wir es nicht nur verstehen, sondern singend wiederholen und für unser Leben einüben.

Gemeinsam ist allen der Beginn: Ehre sei Gott in der Höhe!

Das Lob Gottes, seine Ehre ist der Anfang, das Vorzeichen für alles Weitere. Begeisternd, wie Bach dies in Töne setzt! Im schwungvollen 3er-Takt hören wir die Instrumentengruppen, dann Einzelstimmen, schließlich den vollen Chor- und Orchesterklang. Im kunstvollen Gewebe der Stimmen höre ich immer neu „Gloria“ und dann mit Nachdruck „Deo“. Gott zu ehren, werden die Stimmen nicht müde.

Weil ich unter der Woche selten daran denke, Gott zu ehren, möchte ich mich von diesem Schwung mitreißen lassen. Sonntags und im Gottesdienst fällt das leicht. Lieder und Gebete öffnen eine Welt, in denen ich Gott begegnen kann, in denen ich menschliche Worte und Geschichten höre, die mir Gottes Wirken zeigen. Das ist ein kostbares Gut. Denn diese Worte und Geschichten sind zuverlässig. Sie richten mich aus auf das, was im Leben und im Sterben trägt. Sie richten mich aus auf das, was wesentlich ist, auch im Alltag.

Das sind im christlichen Glauben, soweit ich ihn begreife, drei sehr einfache Einsichten:

  1. Der Tod ist nicht deine Zukunft, sondern das Leben, durch Gott verbürgt.
  2. Schuld und Versagen gehören zum Leben; aber Gott vergibt, und ihr sollt das auch.
  3. Für die Gegenwart gilt: Du sollst Gott lieben und ehren und deinen Nächsten wie dich selbst.

Oft lebe ich im Alltag ohne diese drei Einsichten. Ich fürchte um mein Leben oder will es zumindest festhalten oder möglichst viel genießen, bevor alles zu Ende ist. Anderen Menschen zu vergeben – das ist nicht leicht. Wie oft bin ich nicht nur nachtragend, sondern lege meine Mitmenschen auf ihre Vergangenheit fest oder suche einen Sündenbock und hantiere mit Schuldgefühlen. Gott und die Menschen zu lieben, also ihnen alles Gute erweisen, ohne Hintergedanken, ohne Erwartungen, belohnt zu werden – das wäre schön, wenn es mir öfter gelänge!

Den Liedern und Gebeten und vor allem der Kantatenmusik verdanke ich solche Ausrichtung auf das Wesentliche und die Bereitschaft, das immer neu zu versuchen. So kann ich Gott auch im Alltag ehren. Dabei tragen mich – bildlich gesprochen – die anderen im Chor und Orchester des Lebens: Wenn ich scheitere oder kurz aussteige, musizieren die Anderen schwungvoll weiter; sie helfen mir, neu einzusteigen, denn sie spielen mir das Lied vom Leben, das Lied von der Vergebung, das Lied von der Liebe, durch Gott verbürgt.

Haben Sie die Musik noch im Ohr? Nach dem vollen Klang hörten wir: et in terra pax, Friede auf Erden. Verhaltener, manchmal seufzend und voller Sehnsucht. Ohne Pauken und Trompeten. Plötzlich sind wir auf der Erde: Aus dem schwungvollen 3er-Takt der Trinität wird ein irdischer 4er-Takt. „Pax, Friede“, rufen die Stimmen auch in übermäßig lang ausgehaltenen Noten. Endlich soll der Friede kommen. Der Ruf nach ihm darf nicht nachlassen.

Doch wie kommt der Friede auf Erden? In der Weihnachtsgeschichte besingen ihn die Engel und verweisen dabei auf das Kind in der Krippe. Er ist der Christus, der Rettung und Frieden bringt. Aber wie? Einen Hinweis gibt uns die heutige Schriftlesung (Lk 19,35-38). Die Jünger loben und preisen den in Jerusalem einziehenden Jesus. Er kommt im Namen des Herrn. Er ist der wirkliche König; nicht die Cäsaren in Rom oder Davos. Und dann heißt es überraschend: Friede im Himmel und Ehre in der Höhe.

Jede Bibelleserin erkennt: Das ist eine textliche Klammer im Lukasevangelium. Die verbindet und umgibt Weihnachten und Passion, den Lobgesang der Engel und den der Menschen. Aber es bleibt ein Unterschied: Friede auf Erden, singen die Engel vom Himmel kommend, Friede im Himmel, singen die Jünger auf der Erde.

Manche Ausleger meinen, die Jünger würden hier den Frieden dem Himmel zurückgeben. Auf Erden hat es nicht geklappt; der Friede müsse daher zu Gott zurückkehren.

Ich glaube das nicht. Denn dann wäre nicht nur Weihnachten ein schöner Schein, sondern auch das Wirken Jesu eine Illusion. Dann müssten die Jünger nicht loben, sondern jammern und klagen. Aber sie loben, und zwar „mit Freude“ und außerdem, wie es begründend heißt: wegen aller Taten, die sie gesehen hatten (V.37). Diese Taten sind die Taten Jesu, seine Heilungen von Leib und Seele, seine fröhlichen Feste mit Arm und weniger mit Reich, seine Predigt, dass Gott die Verlorenen sucht und findet.

Der Friede, der mit Jesus zu Weihnachten auf die Erde kommt, verwandelt die Welt nicht schlagartig oder gar automatisch in ein Paradies. Der erwachsene Jesus zeigt aber, dass „Friede“ Gottes unumstößliche Absicht für die Welt ist. Dieser Friede gewinnt Gestalt, wenn Menschen heil werden, wenn sie aus den Sackgassen umkehren, wenn sie befreit und fröhlich miteinander leben. Gottes Friede verändert die Welt: durch Jesus und durch uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger. Und wer von uns mutlos wird, soll dem Hymnus der Jünger vertrauen: Friede im Himmel! Im Himmel ist jetzt schon unumstößliche Realität, was hier noch werden muss.

Das ist ein hoher, vielleicht: zu hoher Anspruch an uns. Schauen wir mit dieser Frage auf den Abschluss des Gloria. Und hier werden auch die eingangs erwähnten Textvariationen wichtig.

Die maßgebliche lateinische Version, die seit dem Mittelalter in der Liturgie wirkt, hat auch Bach vertont. Auf Deutsch: Friede auf Erden den Menschen des guten Willens.

Da sind wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu im Blick mit unserem Friedensauftrag und dem Gebot der Nächstenliebe. Das braucht unseren guten Willen und einen langen Atem. Das braucht unsere Absicht und Bereitschaft, den Menschen unserer Umgebung mit Wertschätzung und Achtung zu begegnen. Und es würdigt uns als Persönlichkeit, die verantwortlich lebt und handelt; denn alle Christenmenschen sind hier Verantwortungsträger.

Es verkehrt sich aber ins Gegenteil, wenn die Menschen guten Willens die Bedeutung einengen und nur auf sich selbst beziehen, wenn sie meinen, Gottes Friede gelte nur ihnen und keinem anderen. Dann ist der gute Wille exklusiv und schon nicht mehr gut.

Dieses Missverständnis mildert die zweite lateinische Version, die eigentlich älter ist als die liturgische. Durch ein zusätzliches Wörtchen heißt es nun: Friede auf Erden unter den Menschen guten Willens.

Dadurch gerät – stärker als der Einzelne – die Gruppe der Nachfolger in den Blick, also die Kirche. Gemeinsam stärken wir uns, helfen einander in der Nachfolge. Und die Kirche wirkt in die Gesellschaft hinein durch Gottesdienst, Seelsorge und Diakonie, durch Organisation von Wohlfahrt und Sozialarbeit. Friede auf Erden unter den vielen Nachfolgern Jesu und Friede auf Erden durch sie!

Die griechischen Bibelabschreiber stellen zwei andere Varianten zur Verfügung, die sich ihrerseits nur durch einen Buchstaben unterscheiden. Die Übersetzungskonsequenzen sind jedoch weitreichend.

Zum einen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Das ist evangelisch geläufig. So singen wir es in unserer Liturgie, so hat es Martin Luther übersetzt – in Übereinstimmung mit der byzantinischen Tradition.

Hier hat der Hymnus der Engel die größte Weite und gleichzeitig eine sympathische Nähe zu den Menschen. Friede und Wohlgefallen sind Gottes Geschenk an uns – das klingt sehr evangelisch und scheint trotzdem nicht ganz richtig; nämlich dann nicht, wenn es auf den inneren Seelenfrieden eingeschränkt wird und der Beschenkte zur tätigen Nachfolge nicht bereit ist. Das Evangelium sagt uns nicht: Macht’s euch bequem, sondern: gehet hin zu den Menschen.

Zum anderen: Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. So lesen wir es in der neuen Lutherübersetzung und ähnlich in der Zürcher Bibel.

Die Engel adressieren Gottes Frieden an die Menschen, denen sein Wohlgefallen gilt. Das sind in der Weihnachtsgeschichte die Hirten, die gespannt hin zur Krippe laufen und dann fröhlich lobend in den Alltag zurückkehren; das ist Maria, die die Botschaft hört und in ihrem Herzen bewegt; das sind später die Jüngerinnen und Jünger, die mit Jesus unterwegs sind bis Jerusalem und dann in alle Welt gehen. Sie erfahren, dass Gottes Friede wie im Himmel so auch auf Erden wirken soll.

Dazu braucht es auch den guten Willen mit tätigem Engagement. Doch der ist stets gefährdet sowohl durch Schwäche wie durch Überheblichkeit. Da tut es gut zu wissen, dass am Anfang der Gottesbeziehung nicht unser guter Wille steht, sondern Gottes Wohlgefallen, sein guter Wille. Das entlastet und motiviert zur Nachfolge und zum Loben.

Welche Sprache sprechen die Engel? Ich glaube, es muss eine Sprache sein, die Menschen berührt und bewegt. Das kann in Griechisch, Latein, in Deutsch und jeder anderen Sprache geschehen. Vor allem aber geschieht es durch die universale und menschliche Sprache der Musik.

Der große Bachinterpret John Eliot Gardiner hat einmal gesagt: „Bach spricht die Sprache des Himmels in menschlicher Weise.“

Auf diese himmlisch-menschliche Sprache – überschäumend und großzügig, verhalten und berührend, heiter und voller Lebensfreude – hören wir nun im Lob des dreieinigen Gottes. Er schafft und bewahrt Leben im Anfang und heute und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Collegium Musicum: BWV 191, 2+3

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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