28.03.2010: Prof. Dr. Gerd Theißen über Phil 2,5-11

Predigt über Phil 2, 5-11 am Palmsonntag, 28. März 2010, im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche Heidelberg

 

 

Prediger: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gerd Theißen

 

 

Paulus zitiert im Brief an die Philipper ein urchristliches Lied von Erniedrigung und Erhöhung Christi. Er sitzt im Gefängnis und wartet auf den Ausgang seines Prozesses; Todesurteil oder Freispruch, beides ist möglich. Das Lied ist sein poetisches Testament. Es ist ein Gemeindelied. Es vereint die Gemeinde. Seine Form weist auf eine erste Botschaft: Angesichts von Konflikten in der Gemeinde mahnt Paulus mit ihm zum Statusverzicht, so wie Christus auf Status verzichtet hat. Es ist ein Lied des gefangenen Paulus. Sein Sitz im Leben weist auf seine zweite Botschaft hin: Die Menschwerdung Christi meint unsere Menschwerdung in extremen Situationen – auch angesichts des Todes. Es ist ein Lied von Gott. Es antizipiert universale Zustimmung zu dem einen und einzigen Gott – ermöglicht durch Jesus Christus. Das ist die dritte Botschaft: Gott und die Welt finden zusammen. Ich zitiere dieses Lied mit seinen drei Botschaften noch einmal in einer anderen Übersetzung.

 

So seid untereinander gesinnt, wie es in Jesus Christus sein soll:

Er, der das Ebenbild Gottes war,

klammerte sich nicht daran, Gott gleich zu sein,

sondern verzichtete darauf

und nahm Sklavengestalt an,

wurde den Menschen gleich

und erschien der Gestalt nach als Mensch.

Er erniedrigte sich selbst

und war gehorsam bis zum Tod,

ja bis zum Tode am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alles erhöht

und hat ihm den Namen verliehen,

der über allen Namen ist,

damit im Namen Jesu alle niederknien,

alle, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

damit jede Zunge bekenne,

dass Jesus Christus der Herr ist,

zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Der Philipperhymnus enthält zunächst eine soziale Botschaft: In der Gemeinde herrscht Streit. Ursache des Streits ist das Ringen um Status und Rang. Jeder will mehr sein als der andere. Paulus mahnt zum freiwilligen Statusverzicht. In der christlichen Tradition nennt man das Demut. Für diese Demut ist Christus im Philipperhymnus Vorbild. Er hatte als Ebenbild und Abbild Gottes den höchsten Status, aber verzichtete auf ihn, um die allergeringste Rolle zu übernehmen, die Rolle dessen, der den Tod am Kreuz erlitt. Er übernahm die Rolle eines verurteilten Verbrechers. Eben deswegen wurde er von Gott erhöht.

Für die ersten Christen lag darin eine große Ermutigung: Wenn sie zu den Niedrigen gehörten, hörten sie die Botschaft: Gott ist uns nahe, auch wenn wir verachtet und verfolgt werden. Auch wir haben Wert und Würde. Wenn sie leidenden Menschen begegneten, hörten sie die Botschaft: Gott kann Dir in jedem Menschen begegnen. Was Du diesen Geringsten tust, tust du ihm selbst. Wenn sie zu den Menschen mit hohem Status gehörten, hörten sie die Mahnung: Verzichte auf Deinen Status. Du könntest genauso gut an der Stelle der geringen Menschen stehen.

Was der Philipperhymnus in religiöser Sprache sagt, ist nicht fern von dem, was heute manche in einer nichtreligiösen Sprache so zum Ausdruck bringen: Wenn Menschen eine Gesellschaft bejahen können, ohne zu wissen, welche Rolle ihnen zugeteilt wird, dann ist sie gerecht. In einer gerechten Gesellschaft müssten hoch stehende Menschen im Prinzip bereit sein, auch die niedrigste Position zu übernehmen. Entdecken wir Rollen, die wir auf keinen Fall zu übernehmen bereit wären, dann sind wir dazu verpflichtet, diese Rollen verschwinden zu lassen.

Der Philipperhymnus sagt darüber hinaus aber noch mehr: Wir können nicht nur die Gesellschaft, sondern die ganze Welt bejahen, wenn wir überzeugt sind, Gott ist bereit, in ihr die niedrigste Position zu übernehmen. Und wir gestalten diese Welt nach seinem Willen, wenn wir uns so verhalten, als sei Gott im allergeringsten Menschen gegenwärtig.

Das ist eine Gegenbotschaft zur sozialen Entwicklung in unseren Gesellschaften in den letzten 30 Jahren: Fast alle großen Parteien haben eine Verarmung breiter Schichten in Kauf genommen, damit einige an der Spitze mehr verdienen. Sie meinten, das sei um des Gemeinwohls willen notwendig, damit die Wirtschaft in Schwung gehalten und mit Geld versorgt wird. Sie haben zu wenig damit gerechnet, dass eine Gefährdung unserer Gesellschaft auch von ganz oben ausgehen könnte, vom Besitzstreben derer, die ohnehin schon viel besitzen. Generell gilt wohl: In Gesellschaften, wo Oben und Unten sich immer mehr auseinander entwickeln, steigt der Druck auf alle, wächst die Lebensangst, nehmen psychische Probleme zu, füllen sich die Gefängnisse, wird es schwerer, Probleme demokratisch zu lösen. Statusverzicht und Demut tun einer Gesellschaft und jeder Gemeinschaft gut.

Das gilt aber auch für den Status moralischer Überlegenheit, das gilt auch für eine mit engagiertem Pathos vorgetragene Sozialkritik, erst recht für manche Moralkritik. Die größte christliche Kirche wird zurzeit von einer tiefen Krise erschüttert: Sie, die in Sachen Sexualmoral immer den Zeigefinger erhoben hat, hat in diesem Bereich Verbrechen zugelassen. Neben ihr verlieren reformpädagogische Ikonen ihren Glanz. Die Krise ist noch nicht zu Ende. Auch der Widerspruch von Familienmoral und der Praxis, dass Priester ihre Kinder verleugnen müssen, wird irgendwann als Skandal diskutiert werden. Und auch hier gilt: Keiner sollte sich über den anderen überheben. Auch Protestanten haben Probleme mit einer überzeugend gelebten Sexualmoral. Auch die Universitäten sind nicht makellos. Hin und wieder müssen sich Studierende einen neuen Betreuer suchen, nachdem sie von ihrem Betreuer sexuelle Avancen erhalten haben. Allgemein gilt: Wer durch Religion, durch Erziehungsinstitutionen, Wissenschaft oder Familie einen berechtigten Vertrauensvorsprung hat, kann diesen Vorsprung für sexuelle Übergriffe ausnutzen. Es gehört Demut dazu, das anzuerkennen. Wir müssen wachsam sein auch gegenüber dem Versagen von Menschen, die es gut meinen. Wir müssen wachsam sein auch uns selbst gegenüber.

 

Der Philipperhymnus enthält zweitens eine Botschaft an jeden einzelnen. Paulus sitzt im Gefängnis. Vor seiner möglichen Hinrichtung verkündigt er trotzig, dass seine Richter einst ihre Knie vor seinem Herrn beugen werden, auch der Kaiser, in dessen Namen ihm der Prozess gemacht wird. Paulus wird in seinem Sterben mit Christus eins sein. Denn auch Jesus war von den Römern hingerichtet worden. Darin liegt für ihn ein Trost. Heinrich Heine hat ihn so formuliert: „Wer seinen Gott leiden sieht, trägt leichter die eigenen Schmerzen“. Wenn sich Gott in Christus mit dem Menschsein identifiziert (und das meint das poetische Bild von seiner Menschwerdung), dann kann auch im fragmentarischen Leben des Paulus Gott anwesend sein. Wenn Christus den Tod erlitt, dann ist auch der Tod kein Widerspruch zu Gott. Der Philipperhymnus spricht auch vom Schicksal jedes Menschen. Ich habe deshalb den Anfang etwas frei so übersetzt: „Er, der das Ebenbild Gottes war, klammerte sich nicht daran, Gott gleich zu sein.“ Ebenbild Gottes ist nach der Bibel jeder Mensch. Christus wird Mensch, um diese Ebenbildlichkeit zu erneuern. So hat die ganze Alte Kirche seine Menschwerdung gedeutet. Das Lied des Paulus handelt deshalb auch von der Menschwerdung jedes Menschen. Wir müssen dazu unsere Allmachtsphantasien aufgeben, mit denen wir Gott gleich sein wollen. Auch die Wunschphantasie, wir könnten jedem helfen. Auch den Traum, als könnten wir unser Leben als vollkommenes Kunstwerk gestalten. Die Botschaft ist vielmehr: Auch in einem fragmentarischen Leben kann Gott anwesend sein und es mit Sinn und Wert erfüllen.

Exegeten haben in jüngster Zeit immer deutlicher erkannt: Diese Botschaft des Philipperhymnus ist eine Gegenbotschaft zum Anspruch der Kaiser, gottgleich zu sein. Zur Zeit des Paulus schrieb Seneca seinem Schüler Nero sogar, er könne als Kaiser gar nicht auf seinen Status verzichten: „Entfernen kannst du dich nicht von deinem hohen Rang; er besitzt dich, und wohin immer du gehst, mit großem Prunk folgt er dir. ... Auch (die Götter) hält der Himmel gebunden, und ebenso wenig ist es ihnen gegeben, herabzusteigen, wie du ungefährdet herabsteigen kannst“ (Sen Clem III,6,2f). Der falschen Gottgleichheit der Machthaber und Kaiser wird im Philipperhymnus die wahre Ebenbildlichkeit entgegengesetzt, die sich auch im Geringsten seiner Untertanen verwirklicht. Allmachtsphantasien werden freilich nicht nur von Kaisern entwickelt.

 

Der Philipperhymnus ist drittens eine Botschaft von Gott – und das in Form eines Mythos, einer religiösen Dichtung: Jesus war kein Mythos. Er war eine konkrete historische Gestalt. Er verkündigte das Reich Gottes, einen radikalen Monotheismus. Der eine und einzige Gott sollte bald erkennbar werden in der ganzen Welt; er werde sich durchsetzen gegen alles, was seinem Willen widerspricht. Diese Hoffnung lebte in seinen Jüngern. Seine Kreuzigung durchkreuzte ihre Hoffnung. Aber durch die Ostererscheinungen erhielten sie die Gewissheit: Jesus lebt. Seine Botschaft ist in anderer Weise in Erfüllung gegangen, als sie gedacht hatten: Einst hatten sie auf das Kommen Gottes gewartet. Jetzt war Christus gekommen. Jetzt trat er an die Stelle Gottes. Jetzt war er zu göttlichem Rang aufgestiegen. Diese Erfahrung war der Grund dafür, Jesus mit mythischen Aussagen an die Seite Gottes zu rücken. So kam es, dass die Anhänger Jesu weit mehr über Jesus sagten, als Jesus je über sich gesagt hat. Wenn nämlich Jesus auf die Seite Gottes gehört, dann gehörte er schon immer zu Gott, dann teilte er seine Ewigkeit, dann hatte er nur vorübergehend auf seinen göttlichen Rang verzichtet, um danach zu Gott zurückzukehren, dann war Christus Gottes Weisheit und Intelligenz, von der man schon immer dachte, dass er mit ihrer Hilfe die Welt geschaffen hatte.

So entstand das Christusbild des Neuen Testaments – ein Gewebe aus historischer Erinnerung an Jesus und dem Mythos vom menschgewordenen Gott. Dieser Mythos ist Poesie, aber er enthüllt letzte Wahrheiten über uns und über Gott. Er mahnt uns nicht nur zum Statusverzicht in Gesellschaft und Gemeinschaft, er macht auch nicht nur Mut zur Annahme von Endlichkeit im Umgang mit dem eigenen Leben. Das alles ist eine für uns leicht zugängliche Umsetzung mythischer Aussagen in Ethik. Der Philipperhymnus zielt auf mehr. Er zielt auf eine grundsätzliche Annahme der ganzen Wirklichkeit durch ein Vertrauen, das in Christus begründet ist, auf ein Bekenntnis zu Gott, auf ein Ja zu der von ihm geschaffenen Wirklichkeit in ihrer Totalität – im Himmel und auf Erden, in Gegenwart und Zukunft. Paulus hat die Zuversicht: Gerade der Gott, der in Christus Mensch geworden ist, kann von allen anerkannt werden und wird von allen anerkannt werden. Im Philipperhymnus hören wir nichts von Menschen, die ihm nicht zustimmen. Wir hören nichts von Dämonen und Mächten, die vernichtet werden. Wir hören nur von einer universalen Zustimmung aller Wesen im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Man könnte sagen: Das sei extrem tolerant. Alle werden gerettet. Keiner wird verworfen. Andere werden sagen: Das ist extrem intolerant. Denn diese universale Rettung wird durch eine Person vermittelt: durch Christus.

Freilich muss man hier an etwas Elementares erinnern: Wenn wir etwas für wahr halten, setzen wir voraus, dass diese Wahrheit universale Zustimmung finden kann, sofern erst einmal alle Hindernisse weggefallen sind, sie anzuerkennen. Ist deshalb jeder Wahrheitsanspruch intolerant? Nein! Intolerant sind nur Wahrheitsansprüche, die sich mit Macht und Gewalt durchsetzen wollen. Der Philipperhymnus ist ein Gegenbeispiel dazu. Er sagt: Die höchste Macht im Himmel und auf Erden verzichtet auf ihre Macht. Sie setzt sich nicht mit Zwang durch, sondern dadurch, dass sie sich mit den Opfern von Gewalt identifiziert. Der Weg des Status- und Machtverzichts gehört zu dieser Wahrheit. Ihre Durchsetzung kann erhofft, aber nicht erzwungen werden. Wird sie erzwungen, so hat sich diese Wahrheit selbst aufgegeben und ist zur Unwahrheit geworden.

Ich bringe solch einen Wahrheitsanspruch gerne mit einem universitätsnahen Bild zum Ausdruck: Wenn einmal die himmlische Akademie der Wissenschaften alles prüfen wird, was Menschen gedacht haben, um in einer eschatologischen Enzyklopädie der Wahrheit zusammenzutragen, was gilt und wahr ist, dann werden viele Texte aufgenommen werden: Texte aus dem Koran, Abschnitte aus den buddhistischen Sutren, Sätze von Immanuel Kant und von Karl Marx (ich weiß nur nicht welche). Zuversichtlich bin ich, dass auch die besten Texte der Bibel aufgenommen werden und einige vergiftete Texte weggelassen werden. Die ausgewählten Texte werden universale Zustimmung finden. In ihrem Zentrum steht die Person Jesu. Sie vertritt einen Weg der Gewaltlosigkeit – auch in der Verbreitung der Wahrheit. Was sie an Wahrheit vertritt und verkörpert, wird dann mit allen anderen Wahrheiten vereinbar sein, auch wenn wir das jetzt nicht sehen. Denn wir gehören nicht zur himmlischen Akademie der Wissenschaften. Vielmehr wäre das eine der Allwissenheitsphantasien, auf die wir verzichten müssen, wenn wir den Philipperhymnus ernst nehmen.

Was sagt der Philipperhymnus also über Gott und die Welt? Er sagt, dass alles im Himmel auf Erden und unter der Erde ihm zustimmen kann ohne jeden Zwang. Diese grundsätzliche Zustimmung zu Gott und zur ganzen Wirklichkeit, auch mit ihren Abgründen, auch mit Tod und Leid wird nur möglich, wenn wir glauben: Gott ist im tiefsten Leid verborgen. Gott ist im geringsten Leben gegenwärtig. Gott ist mächtiger als das größte Leid. Er erfüllt das geringste Leben mit Wert und Würde. Dessen werden wir gewiss durch Jesus Christus. Seine Menschwerdung helfe uns auf dem langen und mühsamen Weg zu unserer eigenen Menschwerdung.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.

 

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013