28.06.2015: Prof. Dr. Martin Hailer über Bachkantate "Allein zu dir, Herr Jesu Christ" (BWV 33)

Johann Sebastian Bach, »Allein zu dir, Herr Jesu Christ«,   Kantate BWV 33

Peterskirche Heidelberg, 28.6.2015

Martin Hailer, Pfr.

 

Liebe Gemeinde,

»Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten.«

So schreibt es der Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge. »Vor 13 Jahren«, das 1931 gewesen, als Bonhoeffer zu Studien und Vorlesungen in New York war. Er sah sich um in der Theologie der neuen Welt und hatte sie wohl auch gemocht. Manche rieten ihm, zu bleiben, er aber hielt es fern von dem, was er als seine Aufgabe verstand, nicht aus, und reiste 1931 zurück nach Deutschland. Die Monate in den USA hatte Bonhoeffer offenbar nicht vertändelt, denn es will schon etwas heißen, »ganz einfach« die Frage zu stellen, »was wir mit unserem Leben eigentlich wollten.«

Die Antwort der beiden damals jungen Theologen fiel recht unterschiedlich aus. Bonhoeffer berichtet von seinem Gesprächspartner folgendes: »Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (– und ich halte für möglich, daß er es geworden ist –); das beeindruckte mich damals sehr.« Von sich selbst berichtet Bonhoeffer allerdings anderes, und sagte als Antwort auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle: »ich möchte glauben lernen.« »Ich möchte ein Heiliger werden« – »ich möchte glauben lernen«. Das ist schon ein Unterschied. Vielleicht sogar ein großer. Es beginnt schon mit den Verben, die die beiden verwenden. Bonhoeffers französischer Gesprächspartner – er hieß Jean Lasserre – spricht davon, ein Heiliger werden zu wollen, er selbst will glauben lernen. Das klingt vorsichtiger, bescheidener. Es ist eher ein Prozess, Unterwegssein, ohne zu wissen, ob man denn ankomme. Und natürlich ist auch das ein Unterschied: heilig werden oder glauben lernen. Ich möchte mit Dietrich Bonhoeffer gern wissen, was das heißt: glauben lernen. Ich weiß nicht, ob Dietrich Bonhoeffer die Bach-Kantate für den heutigen Tag je gehört hat. Aber sie klingt so, dass man mit ihr etwas darüber erfahren kann, was das heißt: glauben lernen. Sehen wir’s uns an. Der Eingangs-Choralsatz beginnt so:

Allein zu dir, Herr Jesu Christ,

Mein Hoffnung steht auf Erden;

Ich weiß, daß du mein Tröster bist,

Kein Trost mag mir sonst werden.

Das ist schon mal eine erste Lektion des Glauben-Lernens. Glauben lernen heißt zunächst einmal, die Hoffnung des eigenen Lebens an den richtigen Adressaten zu wenden. Und, Hand aufs Herz, liebe Gemeinde, so selbstverständlich ist das nun wieder auch nicht mit der Ausrichtung der Hoffnung. Steht Ihre und meine Hoffnung wirklich allein zu unserm Herrn Jesus Christus? Mich selbst zumindest ertappe ich bei so manchen anderen Hoffnungsadressaten: Ich hoffe auf die Stetigkeit der Finanzen des Landes Baden-Württemberg, was mein Gehalt angeht. Ich hoffe auf die fortgesetzte Zuwendung derer, die ich liebe und die mir wichtig sind. Und ich hoffe – töricht oder nicht – auch auf mich selbst, etwa darauf, morgen konzentrierter bei der Arbeit zu sein, als ich’s am Mittwoch dieser Woche war. Und wenn Bach nun vertont: »Allein zu dir, Herr Jesu Christ, mein Hoffnung steht auf Erden«, dann ist das eine fast schon dreiste Konzentration: Was Hoffnung genannt zu werden verdient, richte sich bitte allein auf Christus. Alles andere ist: Erfahrung vielleicht, Erwartung, Bitte, Verlangen.  Aber eben nicht mehr. Wir heißen euch hoffen, heißt dann zugleich: Seht die Bestände eurer Hoffnungen kritisch durch. Haltet Inventur. Rechnet damit, den einen und den anderen Hoffnungsträger zu finden, der es vor dem Angesicht Gottes wirklich nicht zu sein verdient. Und so ist der Anfang der Kantate nicht etwa eine schlichte Feststellung, so als sei’s ohnehin klar, worauf allein ich hoffe. Der Beter des Chorals  bittet, es möge so geschehen. Chor und Orchester werden uns nachher gleich in die Bewegung dieser Bitte hereinnehmen.

Johann Sebastian Bachs Kantate gehört in die Reihe der sogenannten Choralkantaten. Sie ist, wie manche andere auch, im Jahr 1724 erstmals erklungen, dem zweiten Jahr seiner Amtszeit als Thomaskantor in Leipzig. Die Choralkantaten entfalten jeweils ein Kirchenlied, recht vermutlich ein zur Zeit ihrer Komposition bekanntes und beliebtes. Der uns unbekannte Dichter der Textvorlage ist mit dem Lied von Konrad Hubert frei umgesprungen und hat es in den Rezitativen und Arien der Kantate reichlich ergänzt, so dass nur ganze drei Zeilen in den Rezitativen und Arien aus dem ursprünglichen Kirchenlied stammen.

Aus dem ergänzten Text in der Altarie erhalten wir wichtige weitere Auskunft zur Frage, was es heißen mag, Glauben zu lernen:

Wie furchtsam wankten meine Schritte

Doch Jesus hört auf meine Bitte

Und zeigt mich seinem Vater an.

Hören Sie nachher besonders auf die 1. Violine, die mit einer eigenständigen Melodie die Altistin begleiten wird. Die anderen Streicher treten mit pizzicato ganz zurück. Und die Melodie der 1. Geige hat es in sich: Sie schwankt auf und ab, überrascht mit Chromatik und ungewohnten, synkopischen Rhythmen. In der Tat: Furchtsam wanken hier die Schritte! Denn wer von uns sollte von sich aus vor der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes bestehen können? Schon der einfache Test hat es ja an den Tag gebracht: Allein zu Christus soll unsere Hoffnung stehen, aber sie hängt doch an manchem anderem und manchen anderen. Das ist keine bloß theoretische Erkenntnis, es ist vielmehr Lebenswirklichkeit. Sie will gelebt und erfahren sein und deshalb nimmt uns Bachs Musik in die Erfahrungs- und Gefühlswelt hinein: Die Schritte wanken in der Tat furchtsam und es ist gut, sich musikalisch den Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen. Das Schwanken der Melodie, die Chromatik, die Synkopen werden das ihre dazu tun.

Mitten in dieser deplazierenden, ja dezentrierenden Musik aber wird das Entscheidende gesagt: Jesus »zeigt mich seinem Vater an.«

Nichts Menschliches ist Gott fremd, weil Gott selbst Mensch wurde. In Jesus Christus würdigt er uns dessen, mit uns auf dieselbe Augenhöhe zu kommen. Wichtiger kann man ein Gegenüber wohl nicht nehmen, als sich mit ihm auf gleiche Augenhöhe zu begeben. Das ist nichts weniger als der Kern des Ereignisses namens Jesus Christus: Gott wird Mensch und macht so Gott bei den Menschen bekannt. Und: Gott wird Mensch und macht uns Menschen aufs Neue bei Gott bekannt. Gottes Menschwerdung macht ihm, Gott, uns Menschen vorstellig. Er macht, um im Sprachgestus der Kantate zu bleiben, für uns bei Gott Meldung, eben: Er zeigt mich seinem Vater an. Glauben-lernen, zweite Lektion heißt dann also: Wahr-sein lassen, dass Gott um unseretwillen Mensch wurde. Denn er zeigt uns bei seinem Vater an und macht uns aufs Neue bei ihm bekannt.

Diese Anzeige beim Vater bleibt nicht folgenlos. Wer bei Gott bekannt ist, dessen Schritte müssen nicht mehr furchtsam wanken. Vielmehr wird er für sich und für alle anderen ein neuer, befreiter Mensch sein. Im Tenor-Rezitativ der Kantate heißt das so:

Gib mir nur aus Barmherzigkeit

Den wahren Christenglauben!

So stellt er sich mit guten Früchten ein

Und wird durch Liebe tätig sein.

Das ist die dritte Lektion des Glauben-lernens. Wir machen den Glauben nicht. Er ist eine Gabe. Er stellt sich ein und ich finde mich in ihm vor. Aber er ist eine Gabe, die nicht folgenlos bleibt. Der Kantatendichter wählt dafür das Bild von den guten Früchten. Ob er bewusst zitiert, das weiß ich nicht, aber es gibt ein berühmtes Original dafür: In seiner genauso kurzen wie grandiosen Refomationsschrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« sagt Martin Luther es genau so: Stellen wir uns vor, es gäbe einen wohl gelungenen Baum. Im richtigen Erdreich gepflanzt, mit genug Wasser gegossen, gut gepflegt und geschnitten, im Frühling von genügend Bienen besucht. Das Wetter passt im Großen und Ganzen auch. Kann ein solcher Baum überhaupt noch wählen, gute Früchte zu tragen? Nein, das kann er nicht. Unwillkürlich tut er es. Eben weil er gar nicht mehr anders kann. Mit den Früchten des Glaubens ist es ganz genauso. Wir stellen unseren Glauben nicht her, wir empfangen ihn – und damit uns. Was durch uns dann im Glauben geschehen darf, geschieht eben. Aber Anlass, darauf stolz zu sein, sich dessen – wie der Apostel Paulus sagt – sich dessen zu rühem: Warum eigentlich? Es ist unnötig. Dass manchmal etwas durch uns geschehen darf, was es wert ist, zu geschehen, das ist Anlass zu Dank und zum Lob Gottes.

Ich kehre zum Anfang zurück: Der junge Dietrich Bonhoeffer hatte einen Gesprächspartner und sich gefragt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollen. Und er hatte für sich geantwortet: »ich möchte glauben lernen.« Jetzt gleich, wenn die Kantate erklingt, gibt es ein paar Stationen, Lektionen des glauben-lernens mitzuerleben: Worauf meine Hoffnung setzen. Vom furchtsam wankenden Schritt zur Gewissheit in Christus. Und weiter zum Glauben, der sich seiner Früchte freut, aber nicht rühmen muss. Ein Schritt fehlt noch. Und das ist die Einstimmung ins Lob Gottes. Glauben lernen kulminiert darin, dank- und erfahrungsgesättigt ins Lob Gottes einstimmen zu können. Der ganze Weg des Glauben-lernens zielt auf das Lob Gottes und ist in ihm zusammengefasst. Hören Sie den Schlußchoral der Kantate. Er ist einerseits Lob des dreieinigen Gottes. Und zum anderen steckt alls drin: Bitte um die rechte Hoffnung, Stellvertretung durch Christus, und dass durch uns etwas geschehen möge, was des Geschehens wert ist:

Ehr sei Gott in dem höchsten Thron,

Dem Vater aller Güte

Und Jesu Christ, sein’m lieben Sohn

Der uns allzeit behüte,

Und Gott dem Heiligen Geiste,

Der uns seine Hülf allzeit leiste,

Damit wir ihm gefällig sein

Hier in dieser Zeit

Und folgends in der Ewigkeit

 

Amen

 

 

Dietrich Bonhoeffer Werke 8, hg. von C. Gremmels, E. Bethe und R. Bethge, München 1998, 541f.

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 30.06.2015
zum Seitenanfang/up