28.07.2013: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über "Unsere Namen und Gottes Name"

 

Predigt

Unsere Namen und Gottes Name

Gottesdienst mit Taufe, 28. Juli 2013, Peterskirche (Habicht/Ulrichs)

 

Pfarrer  Dr.  Hans-Georg Ulrichs

 

Liebe Gemeinde,

 

„sag ´mal, hast Du den Namen verstanden“, so tuschelten vorhin die eine oder der andere zum Nachbarn, zur Nachbarin herüber, als unser Täufling vorgestellt wurde. Täufling Nr. 5/2013 ist eine Information, die man nicht haben will, aber den Namen will man schon gerne erfahren.

 

Liel heißt dieses Mädchen, und auch wenn Sie den Namen noch nicht gehört haben, darf ich Ihnen versichern, dass dieser hebräische Name im modernen Israel durchaus geläufig ist.  Viele Namen mit –el sind hebräischen Ursprungs: Daniel und Gabriel. Wie auch immer: diese Namen bezeichnen eine Beziehung zu Gott. Liel bedeutet: Mein Gott, Gott ist mein, Gott ist für mich, oder dann als Zusage: Gott ist mit Dir. Das ist nun tatsächlich die direkte Aufnahme des Taufspruches: Ich hoffe auf Dich und spreche: Du bist mein Gott! Für mich Gott, das ist übersetzt – li-el [in BHS steht freilich: elohai]. Mit diesem Namen verbindet sich etwas, wirkt geradezu performativ, denn der Name tut, was er sagt: Er verbindet diesen kleinen Menschen mit unserem großen Gott. So haben wir es vorhin schon mit den Worten des Propheten Jeremia gebetet: „Ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.“ (Jer. 15,16)

 

Nichts gehört so sehr zu uns wie unser Name. Vieles mag sich ändern im Laufe eines langen Lebens, Größe und Gewicht, Frisur und Haarfarbe, der Wohnort, die Hobbies, Lieblingsspeisen und Berufstätigkeiten, Beziehungen, Freunde und Feinde – der Name bleibt uns. Gut, manchmal wird aus einem Friedrich-Wilhelm ein Fritz und aus einer Gabriele eine Gabi und aus Jakob Israel, der Gottesstreiter. Bei anderen verdoppelt sich der Nachname im Lauf der Zeit oder weicht einem gemeinsamen Familiennamen. Unser Name ist uns gegeben, ohne dass wir ein Wörtchen hätten mitreden dürfen, er macht uns ein Leben lang aus, und selbst nach unserem Tod meint er noch genau die Person, die ihn zu Lebzeiten trug. Nichts begleitet uns so treu durch unser Leben, nichts gehört so unzertrennlich zu uns wie der Name. Bei deinem Namen gerufen bist du mein, spricht Gott.

 

Jesus sagt einmal zu seinen Jüngern: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ In dem Gespräch, das er mit den Jüngern führt, kommt diese Bemerkung überraschend, sie ergibt sich nicht aus dem Zusammenhang, aber sie steht auch nicht im luftleeren Raum. Sie beruft sich auf andere biblische Vorstellungen und setzt Bilder frei. Es ist einer jener Sätze, die so offen sind, dass sie die Phantasie anregen, unsere biblische Phantasie, unsere Glaubensphantasie.

 

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

 

Könnte es so gewesen sein? Da sitzen ein Mann und eine Frau, die ein Kind erwarten und zerbrechen sich den Kopf, welchen Namen sie ihm geben. Wovon lassen sie sich leiten? Von der Tradition hehrer Vorfahren, die evtl. in einer langen Liste von Zweit- und Drittnamen verewigt werden wollen (George Alexander Louis, um ein Beispiel der zurückliegenden Tage zu nehmen), von einem Klang, einer Laune, einer Mode, vom schwierigen Gleichgewicht zwischen dem Besonderen und dem Extravaganten? Selten werden sie bei aller Sorgfalt den Namen treffen, der seinen Empfänger später restlos glücklich macht, auch wenn nicht viele dazu neigen wie ein bekannter Kulturmoderator, den Vornamen von Dieter in Max ändern zu lassen. Und in Wirklichkeit ist es so: Während die Eltern noch da sitzen und grübeln, wird im Himmel ein Buch aufgeschlagen, da steht der Name längst drin. Nicht weil wir leben, kommen wir ins Buch des Lebens, sondern weil wir bereits drin stehen, kommen wir ins Leben. Wir kommen nicht aus dem Nichts. In einer anderen Bücher-Welt sind wir schon aufgehoben. Mit unserem Namen aufgehoben, notiert und dann auch gerufen von Gott.

 

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

 

In Nürnberg steht auf dem Friedhof St. Johannis ein alter, auf dem ersten Blick nicht zu entziffernder Grabstein aus dem 18. Jahrhundert. Da wurde einst ein Mann mit Namen Jacob Rosenwirth begraben. Auf seinem Grabstein sieht man in einem  Kranz aus Zweigen einen Haufen Buchstabensalat. Nimmt man sich etwas Zeit und versucht, die Buchstaben zu ordnen, kann man aus ihnen den Namen des Verstorbenen entziffern. Dieser Aufgabe widmen sich auch bereits am oberen Rand zwei eifrige Engel. Sie ziehen die Buchstaben einzeln aus dem Wirrwarr heraus und fangen an, den Namen neu zusammenzusetzen. Aus sinnlosen Buchstaben wird ein – Name: Jacob Rosenwirth. Ob die Engel diese Buchstaben, diesen Namen, wenn sie ihr Werk vollbracht haben, mit in den Himmel nehmen, damit wir uns freuen, dass dieser Name im Himmel geschrieben ist? Und wenn es so wäre, dass aus den Buchstaben wieder ein Name wird, aus all den Bruchstücken, die nie so recht zusammen passen wollten, ein ganzes, ein heiles, ein endlich zurecht gebrachtes Leben? Aus dem, was dort begraben liegt, eine neue Welt? Was für eine Hoffnung auch über dieses Leben hinaus!

 

Nichts gehört so sehr zu uns wie unser Name. Vieles mag sich ändern im Laufe eines langen Lebens, Glaube und Überzeugungen, Prinzipien und Vorsätze, die Vorstellungen von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Name bleibt uns. Er stand schon geschrieben in einem himmlischen Buch. lange bevor irgendjemand anfing, sich darüber Gedanken zu machen, er ist fester Bestandteil vieler Gebete und Gedichte, und eines Tages wird ein Engel ihn buchstabenweise in den Himmel tragen. Er geht nicht verloren. Er steht im Buch des Lebens.

 

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

 

Viele von uns haben schöne Namen, man identifiziert sich mit ihm – so könnte ich mir etwa nicht vorstellen, Klaus-Peter zu heißen. Und wir werden identifiziert mit unserem Namen: bei der Polizei, vor Gericht und bei der Eheschließung (und anderen Akten). Viele tragen schöne Namen, aber nicht immer trifft es sich so gut wie bei der kleinen Liel: „Ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.“ Dass wir zu Gott gehören, dass das mit uns als Person zu tun hat, mit unserem Namen, weil dieser Name unsere Person identifiziert, kann sichtbar werden an unserem Zweitnamen. Jetzt fragen Sie sich vielleicht, woher ich von Ihnen allen Ihren Zweitnamen kenne und wie ich das unter einen Hut bringen kann. Die Lösung ist ein Blick in die Bibel und eine historische Erinnerung. In der Apostelgeschichte wird vom Lauf des Evangeliums durch die (antike) Welt berichtet, Barnabas und Paulus sind die Hauptakteure, die das Evangelium in die griechisch geprägten Gegenden bringen. Von der Gemeinde in einer atemberaubend schönen, seinerzeit syrischen, heute türkischen Stadt heißt es dann: „In Antiochia wurden die Jünger (also die Gemeindeglieder) zuerst Christen genannt.“ (Apostelgeschichte 11,26) Das machte deren Identität aus, dass sie namentlich zu Christus gehören. Sie hatten im Glauben teil an Christus und hießen deshalb auch so. Gerade an einem Taufsonntag sollten wir uns alle, die wir getauft sind, an diesen unseren Zweitnamen erinnern, denn die Taufe verbindet uns mit der Geschichte und mit der Person Christi. In der jetzt geläufigen Taufformel findet sich dieser Gedanke nur wenig wieder: „Ich taufe Dich auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Mit gutem Recht benutzen wir für den Gottesnamen die Bezeichnung der Dreieinigkeit. Ganz frühe Taufsätze klangen möglicherweise anders, denn da wurde getauft „in den Namen Jesu [hinein]“. Die Täuflinge wurde Christus nachgerade inkorporiert. Der Name Jesu war quasi ein Schutzraum, ein heiliger Ort, wo Christen dazugehören und eingegliedert wurden.

 

Der Name Gottes ist im so genannten Alten Testament besonders geschützt. Andere Worte, Umschreibungen müssen benutzt werden, oder auch einfach nur „der Name“ – hebräisch: ha schem.

 

Mit „Christus“ bekommt Gott nun einen Namen für uns. Und da es Gottes Name ist, ist er der Name über alle Namen, wie der Philipperbrief weiß. Gott hat uns bei unseren Namen gerufen, wir sind ihm mit unserem Leben, mit unserer Person und unserer Identität wichtig, so wichtig, dass er uns teilhaben lässt – an seinen Namen, an sich selbst. Die Wege nach unserer Namensbezeichnung mögen so oder so gewesen sein, die Wege nach unserer Taufe und damit der Inkorporation in Christus mögen sehr unterschiedlich gewesen sein – und wie Liels Wege sein werden wissen wir jetzt auch noch nicht – , aber in allen Wegen waren wir Christusleute und haben zu Christus gehört. Mit diesem unseren Zweitnamen – Christen – bekennen wir mit den Worten des Philipperbriefes (2,9-11):

Gott hat Christus Jesus erhöht

und hat ihm den Namen gegeben,

der über alle Namen ist,

dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,

die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

und alle Zungen bekennen sollen,

dass Jesus Christus der Herr ist,

zur Ehre Gottes, des Vaters.

Amen.

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Letzte Änderung: 08.10.2018
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