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28.10.2012: Prof. Dr. Michael Welker über Jer 29,1.4-7.10-14

Michael WELKER

 

GOttesdienst am 28. Oktober 2012 in der Peterskirche zu Heidelberg

 

 

Predigt über Jer 29, 1.4-7.10-14

 

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem( nach Babel) sandte an den Rest der Ältesten der Verbannten, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem weggeführt hatte …
4 So hat Jahwe Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Verbannten gesprochen, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 heiratet Frauen und zeugt Söhne und Töchter, sucht für eure Söhne Frauen und für eure Töchter Männer, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet das Wohl des Landes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zu Jahwe; denn sein Wohl bedeutet euer eigenes Wohl …
10 Denn so hat Jahwe Zebaoth, der Gott Israels, gesprochen: Wenn für Babel siebzig Jahre voll geworden sind, so will ich mich euer annehmen und will mein Verheißungswort an euch erfüllen, dass ich euch an diesen Ort zurückbringe.
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Jahwe: Gedanken des Heils und nicht des Unheils, euch Zukunft und Hoffnung zu schenken.
12 Und wenn ihr mich anruft und zu mir betet, so werde ich euch erhören.
13Und wenn ihr mich sucht, so werdet ihr mich finden; ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
14 so werde ich euch erscheinen, spricht Jahwe, und werde euer Geschick wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht Jahwe, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Amen.

 

Zur Vorbereitung dieser Predigt, liebe Gemeinde, habe ich noch einmal das ganze Buch des Propheten Jeremia gelesen. Ich habe viel mit dem Propheten geseufzt, und am Ende stand ein Schockerlebnis. Dass Gott in großer Leidenschaft an der Untreue Judas und Israels leidet, an Gottvergessenheit und Götzendienst seines geliebten Volkes – das stand mir natürlich schon vor Augen. Dass Gott aber im weiten Umfeld des heutigen Predigttextes sein Volk so sehr mit drastischen Bildern bedrängt und bedroht, ja verwünscht und verflucht, berührte mich, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich unangenehm. Hat der Prophet Jeremia, der in bedrängter Zeit um das Jahr 600 vor Christus herum lebt und den Fall Jerusalems miterleben muss, hat er das Wort Gottes nicht übermäßig dramatisiert? Zahllose Todesandrohungen schreibt er Gott zu: „Durch Schwert, Hunger und Pest mache ich ihnen ein Ende!“ (Jer 14,12 u.ö.), „Ich lege Feuer!“, „Ich verwüste!“ – kann hier wirklich Gott gesprochen haben? Ab Kapitel 25 wird es richtig blutrünstig: „Ich rufe das Schwert gegen alle Bewohner der Erde!“ (Jer 25,29), heißt es.

 

„Unheil schreitet von Volk zu Volk“ über die „vom Herrn Erschlagenen“ (Jer 25, 32f). Gott macht einen Teil seines Volkes zu einem „Bild des Schreckens, … zum Schimpf und Gespött“ (Jer 24,9). Die so genannten „Drohreden über die Völker“, Kap 46-51, in denen Gott beständig „das Schwert [die Menschen] fressen“ lässt (46, 14 u.ö.), zerschlagen, zerschmettern zerstören und verwüsten lässt – sie wurden für mich immer mehr zu einer Anklage gegen einen Gott, der unter den Völkern so viel Blutvergießen veranstaltet. Das kann doch nicht der Gott sein, der „alles so herrlich regieret“! Das ist doch nicht der Gott, der sich in der Liebe offenbaren will!

 

Immer wieder musste ich an Richard Dawkins denken, der in seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ den Gott des Alten Testaments „die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur“ nennt: „Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf: ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein … Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“ (Ullstein Berlin, 45 = Black Swan 51 (Beginning of Chapter II).

 

Warum konnte Jeremia nicht die Kriegstreiberei und die Grausamkeiten dem Nebukadnezar, seinen Heerführern und Soldaten, oder den Ägyptern, Philistern und Moabitern, den Ammonitern, Elamitern und den arabischen Stämmen anlasten, die er in düsteren Farben darstellt? Er nennt doch viele weitere individuelle kleine und große Streitsüchtige, Herrschsüchtige, Kriegstreiberische und  Mordlüsterne seiner Tage ausdrücklich beim Namen. Warum muss da immer Gott selbst mit im Spiel sein?

 

Die einfachste Antwort auf diese brennende Frage lautet wohl: Jeremia ist tief überzeugt von Gottes Allmacht. Der Schöpfer von Himmel und Erde, der die Ordnung der Schöpfung bewahrt und selbst dem Meer Grenzen setzt (Jer 51,15; 27,5; 32,17; 33,25; 5, 22) – wie sollte er nicht auch die gesamte Kriegsmaschinerie der tobenden Völker lenken? Jeremia scheint es so zu gehen, wie den etwas denkschwachen Theologen und Philosophen, die einen abstrakten Theismus vertreten. Erst nennen sie Gott „die alles bestimmende Wirklichkeit“ – und dann finden sie auf die Frage, wie Leid und Elend der Welt mit der Güte Gottes verträglich sind, keine überzeugende Antwort.  

 

Doch Jeremia betont immer wieder: Gott will nicht alles und jedes irgendwie bestimmen. Gott will Ordnung, Gott will Gerechtigkeit, ja Gott will Heil. Er will die Rettung sein am Tag des Unheils (Jer 17). Wie bringen wir dies mit den Gewaltansagen zusammen? Ein zweiter Ansatz zu einer Antwort kann sich auf die Beobachtung stützen, dass Gott bei Jeremia im weiteren Kontext immer wieder als ein die Gewalt des Krieges und der Verwüstung zulassender Gott beschrieben wird. Gott gibt preis, entzieht das Heil, Gott liefert aus (Jer 12,7; 16,5;18,2). Gott hört nicht mehr, zeigt seinen Rücken, verbirgt sein Angesicht (Jer 11,11ff; 18,17; 33,5).

 

Dass Gottes Elend und Erfahrung von Gewalt tatsächlich zulässt, das macht unser heutiger Predigttext sehr deutlich. Die Eliten Jerusalems sind verschleppt. Sie sind in Babylon. Sie sind unglücklich und verzweifelt. Sie vermissen die Heimat, die Angehörigen, ihr gewohntes Leben, ihren Beruf und, da sie Eliten sind, sicher auch ihre Macht und Einflussmöglichkeiten. Sie sorgen sich um das führungslose, hilflose Volk daheim. Jeremia sagt: Richtet euch ein auf eine lange Zeit im Exil, auf 70 Jahre. Die anderen Propheten in seiner Umgebung nennen ihn verrückt, einen Lügner. Von ihrer Seite heißt es: „Nach zwei Jahren habt ihr es geschafft, dann kommt ihr wieder zurück!“ Jeremia wartet ruhig ab, bis sich der Kollege als Lügenprophet erweist. Er warnt vor Unruhe in Babylon und in Jerusalem. Er schürt nicht Gedanken an Widerstand, Aufstand, Terror oder die Vorbereitung von Befreiungskriegen.

 

Baut Häuser, pflanzt Gärten, heiratet, vermehrt euch! sagt er. Sucht das Wohl des Landes, betet für es!, schreibt er sogar. Ist er nicht ein übler Anpasser, einer, der die Politik des Nebukadnezar vertritt? Ist er gar ein Agent der Feinde, zumindest ein Phantast, ein schlechter Vertröster und Betrüger? Kein Wunder, dass sich andere Propheten aufregen, ihn am liebsten in Ketten und im Gefängnis sähen, in „Block und Halseisen“, wie es heißt. Woran können Jeremias Zeitgenossen, woran können wir erkennen, dass Jeremia kein falscher Prophet ist?

 

Nur vordergründig hat euch der große König Nebukadnezar aus Jerusalem nach Babel weggeführt. In Wahrheit hat Gott selbst euch wegführen lassen – so lautet Jeremias schockierende Botschaft. Das heißt: Ihr seid und ihr bleibt in eures Gottes Hand! Und auch der mächtige Nebukadnezar ist letztlich ein Werkzeug eures Gottes. Immer wieder, liebe Gemeinde, hat Israel nach den biblischen Zeugnissen unter großen und gewaltigen Mächten, unter den Weltmächten der damaligen Zeiten, gelitten. Ägypten, Assyrien, Babylon, die Perser, die Griechen, schließlich die Römer. Immer wieder hat Israel Gottes Gegenwart in größter Not gesucht und gefunden. Die wahren Propheten fixieren nicht auf den Feind und auf seine Macht. Auch in größter Not nicht. Sie fragen und suchen und konzentrieren auf Gottes Gegenwart. Sie sehen nicht nur die bedrängten Glaubenden, sondern auch die, die sie verfolgen, unter Gottes Macht stehen.

 

Aber was will Gott mit all seiner Macht? Will Gott einen Krieg nach dem anderen entfesseln? Hat er Lust am Gemetzel und am Geschrei? Spielt er mit den Völkern und mit Israel grausame Spiele ganz im Sinne von Richard Dawkins?

 

Die entscheidende Antwort auf die schwierigen Fragen, die der Prophet Jeremia aufwirft, beginnt mit der Einsicht: Die verschleppten Eliten Jerusalems haben gelogen und betrogen. Die Priester, die „Hirten des Volkes, die Hüter des Gesetzes“, und selbst die Propheten haben gelogen und betrogen (Jer 2,8 und passim). Sie haben sich vom lebendigen Gott und seinem Wort abgewendet. Sie haben das Volk in die Irre geführt. Sie haben auf tote Götzen gesetzt, die Jeremia mit „Vogelscheuchen im Gurkenfeld“ vergleicht (Jer 10,5). Bis hin zur grausamen Opferung von Menschen haben sie den Gottesdienst missbraucht (Jer 7,31; 19,5; 32,35). Ist Gott nun nur eifersüchtig auf andere Formen von Religiosität? Sollte er nicht jedem und jeder die eigene Frömmigkeit lassen, freie Wahl der Priester und Propheten! Die Resonanz, der Zustrom wird schon zeigen, was dem Volk gut tut!

 

Es sind die Verbrechen gegen Gerechtigkeit und gegen den Schutz der Schwachen und Armen, die für Jeremia wie für viele andere Propheten zum Alarmsignal und zum Gerichtssignal werden. Wiederholt wirft Jeremia dem Volk Gier vor, dass es nur auf Gewinn aus sei (Jer 6,13 u.ö.). „Das Blut der Armen klebt an deinem Saum!“, sagt er (Jer 2,34)!  Ihr verhöhnt Recht und Gerechtigkeit (Jer 4,2; 5,1; 9,23 u.ö.). Ihr lasst zwar die Sklaven nach sechs Jahren frei, wie es Gottes Gesetz erwartet – und dann fangt ihr sie wieder ein (Jer 34,8ff)! Im Klartext heißt das: Ihr wart ein Volk von Verbrechern, jedenfalls von verbrecherischen Eliten verführt. Jetzt aber habt ihr 70 Jahre Zeit, euch wieder auf Gott zu konzentrieren, nach Gerechtigkeit und Wahrheit und Gotteserkenntnis zu suchen. Selbst im Exil, selbst im Elend will Gott nicht euer Unheil, sondern euer Heil – weit über eure Denk- und Vorstellungsmöglichkeiten hinaus.

 

Das ist die tröstliche Botschaft des Propheten Jeremia, der so schrill im Namen Gottes mahnt und warnt. Gott will Gerechtigkeit und Schutz der Schwachen: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit!“ (Jer 23,6), so wird Gott genannt werden. Deshalb wendet Gott sich so leidenschaftlich gegen Götzendienst und falsche Prophetie. Gott tut dies in geduldiger Güte, aber auch durch schrille prophetische Warnungen und Mahnungen in drohender Not. Gott tut dies schließlich auch, in dem er richtend tödliche Gewalt zulässt und nach dem großen Zusammenbruch erneut auf geistliche Bildung und Erziehung des Volkes setzt.

 

Möge Gott uns vor solchen extremen Situationen bewahren! Mögen wir wach und sensibel sein für die Gefahren und die prophetischen Stimmen um uns her und in unserer Mitte! „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12, 21). Mögen wir uns immer wieder neu um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Liebe, Wahrheitssuche und den rechten Gottesdienst bemühen! Und mögen wir darin auf den Wegen bleiben und für die Wege werben, auf denen Gottes Segen liegt:  

Vergib uns unsere Schuld! Führe uns nicht in Versuchung! Erlöse uns von dem Bösen! Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!

Amen.

Sündenbekenntnis:

Heiliger Gott, wir treten vor dein Angesicht und hören das Wort:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden – sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Wie gern wollen wir diesem Aufruf folgen. Wie gern wollen wir immer auf der Seite des Guten stehen. Doch dann müssen wir sehen, wie schwer fassbar das wirklich Gute oft ist. Und wir machen die Erfahrung, dass das Böse meist schleichend kommt, wie ein langsam wirkendes Gift, eine lange nicht erkannte Krankheit. Und wenn dann das Böse offensichtlich gesiegt hat, resignieren wir, lassen alles seinen Lauf nehmen.

Heiliger Gott, gib uns nicht dahin an unseren Kleinmut und unseren Relativismus. Lass uns eintreten für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, für die Suche nach Wahrheit und für das Streben nach Freiheit und Frieden. Schenke uns Vertrauen auf die Kraft deines Wortes, deiner Offenbarung, deines Geistes und auf das Kommen deines Reiches. Erbarme dich unser.

Kyrie

So spricht der Gott, der euch geschaffen hat:

Wendet euch meiner Mahnung zu, dann will ich meinen Geist ausgießen und meine Worte euch kundtun (Spr 1,23).

 

Tagesgebet:

Großer Gott, wir danken dir, dass du uns heute diesen Gottesdienst halten lässt vor deinem Angesicht mit Gästen aus aller Welt, aus den Kirchen der Ökumene und darüber hinaus. Segne unser Reden und Hören, unsere gottesdienstliche Musik und die gemeinsame Feier des Abendmahls.

Schaffe in uns, Gott, ein reines Herz und gib uns einen neuen gewissen Geist. Verwirf uns nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von uns. Tröste uns mit deiner Hilfe. Und mit einem freudigen Geist richte uns auf! Amen.

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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