Bereichsbild
Veranstaltungen

So, 25.08.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Dr. Friederike Schücking-Jungblut

Mi, 28.08.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 01.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

PD Dr. Doris Hiller

Mi, 04.09.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 08.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Prof. em. Dr. Adolf-Martin Ritter

Alle Termine & Veranstaltungen

Aktuelles

20.01.2017: Prof. Dr. Christoph Strohm über Mt 14,22-33

Christoph Strohm

Predigt am 29.1.2017, im Universitätsgottesdienst, Peterskirche, Heidelberg

Predigttext Mt 14,22-33

 

Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.

23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.

24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.

26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!

31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.

33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Liebe Gemeinde,

 

in der Geschichte ist alles Wesentliche drin, was christlichen, evangelischen Glauben charakterisiert: Das Tremendum, das Erschrecken über Gottes wunderbares, alles menschliche Begreifen übersteigendes Handeln, wie auch das Faszinosum, das Staunen und Fasziniertsein; Petrus – nicht als stolzer Kirchenfürst, sondern als exemplarischer Kleingläubiger und Zweifler; die evangelische Botschaft aus dem Mund Jesu in konzentriertester Form: „Seid getrost, ich bin’s.“

 

Man kann hier in der Peterskirche zu Heidelberg nicht über die Geschichte von Jesus und dem sinkenden Petrus predigen, ohne Hans Thomas Darstellung dieser besonderen Begegnung an der Frontseite des linken Seitenschiffs vor Augen zu haben. Im Zentrum des monumentalen Gemäldes ist der über das Wasser wandelnde Jesus dargestellt, umgeben von dem Schein, den der über seinem Haupt stehende Mond ausstrahlt. Im unteren Eck des sieben Meter hohen Gemäldes, gleichsam uns Betrachtern am nächsten und mit uns gleicher Blickrichtung auf Jesus, kämpft Petrus mit dem Untergang, mitten in einer wild aufschäumenden See. Man kann über den pathetischen Stil, der uns im 20. Jahrhundert abhanden gekommen ist, streiten. Aber der Maler und mit ihm der Kunsthistoriker Henry Thode, dessen Frau Daniela und andere, die sich für die Aufrichtung des Bildes engagiert haben, haben den Sinn der Geschichte präzise erfasst. Auch wenn Jesus im Zentrum steht, geht es um den durch die Platzierung mit den Betrachtern verbundenen Petrus, der von den Wellen verschlungen zu werden droht.

Alle, die in der Peterskirche Gottesdienst feiern, sollten das Wesentliche und Eigentliche des christlichen Glaubens vor Augen haben: dass es hier zuerst um das Wunder in unserem Leben geht, nicht darum, was wir tun und nicht tun sollen, wie das all unsere Worte nur zu leicht suggerieren könnten – bis hin zu unseren Gebeten: „Herr, hilf uns dieses und jenes zu tun und das andere nicht zu tun.“ Auf unser Tun kommt es auch an, aber eben nicht zuerst. Zuerst geht um das, was sich in der Beziehung des Petrus zu Jesus abspielt. Und Petrus steht eben exemplarisch für uns alle.

 

Die Geschichte von dem sinkenden Petrus und dem auf dem Wasser wandelnden Jesus hat eine bestimmte Funktion in der Dramaturgie des Matthäusevangeliums. Matthäus erzählt uns die Heilungswunder Jesu, die eindrucksvolle Hinweise auf seine Vollmacht geben. Dann folgt das Speisungswunder als ein noch massiverer Beleg für die göttliche Vollmacht Jesu. Den Höhepunkt bildet unsere Geschichte. Auf dem Wasser wandeln ist Zeichen göttlicher Epiphanie schlechthin. Matthäus hat wohl alttestamentliche Texte wie Hiob 9, Vers 8 vor Augen, wo es von Gott heißt, dass er auf dem Meer umhergeht wie auf dem Erdboden. Jesus wird hier also eine Vollmacht zugesprochen, die für alttestamentlich-jüdisch geprägte Leser und Leserinnen ansonsten allein Gott zukommt.[1]

Das ist aber nicht alles, was Matthäus uns mit dieser Geschichte sagen will. Wenn man seine Fassung der Geschichte mit der ihm vorliegenden Fassung im Markusevangelium vergleicht, wird das besondere Anliegen des Matthäus deutlich. Er macht aus der Geschichte vom Erweis der göttlichen Vollmacht Jesu eine Geschichte des kleingläubigen, zweifelnden Petrus und seiner Errettung. Genau so wie das Hans Thoma ins Bild gesetzt hat. Denn Matthäus hat die Geschichte um eine charakteristische Passage ergänzt. Die Geschichte erzählt vom Erschrecken der Jünger, als sie in der Nacht Jesus auf dem Meer wandeln sehen, erschrecken und voller Angst schreien: „Es ist ein Gespenst.“ Jesus klärt und tröstet sogleich. „Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht!“ An dieser Stelle macht Matthäus durch eine Einfügung aus der Geschichte eine Geschichte vom kleingläubigen, zweifelnden Petrus: „Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

 

Petrus steht exemplarisch für uns Kleingläubige, Zweifelnde; so wie das Hans Thoma ins Bild gesetzt hat. Durch die Komposition verbindet sich der am unteren Bildrand des Monumentalgemäldes dargestellte Petrus mit uns Bildbetrachtern im ängstlich-erwartungsvollen Schauen auf den in der Bildmitte, vom Mondlicht umstrahlten Jesus.

 

Über unseren Kleinglauben und Zweifel muss ich nicht lange reden. Der ist uns sattsam bekannt. Bei Petrus verbindet sich das exemplarisch mit einer gewissen naiven Überheblichkeit. Er fühlt sich als der herausgehobene Jünger, der allerletzte, der von Jesu Seite weichen oder ihn gar verraten würde, und er wird dann doch zum erbärmlichen, geradezu exemplarischen Verleugner, so dass es nur noch zum Weinen ist – wie das Johann Sebastian Bach in der Arie „Erbarme dich um meiner Zähren willen“ in seiner Matthäus-Passion vollendet zum Ausdruck gebracht hat.

 

Petrus ist in der Geschichte als Urbild des Kleingläubigen in Szene gesetzt. In diesem Sinn hat Luther das Wesen der Sünde beschrieben, als die Tragik des Menschen, der sich durch seine naive Überheblichkeit, seinen Glauben an sich selbst, sein Fixiertsein auf sich selbst, sein In-sich-gekrümmt-sein um das wahre Leben bringt. Auf Gott vertrauen – Glauben! – befreit davon. Hochmut ist die Schwester des Kleinglaubens. Die Schwester des Glaubens hingegen ist Demut.

 

Der sinkende Petrus wird in der Geschichte nicht zu dem, der in all den Schwächen, Zweifeln und Wirrungen seines Lebens versinkt. Vielmehr wird er letztendlich zu einer tragenden Säule des jungen Christentums. Ganz offensichtlich hat Petrus das Wunder der Errettung, von dem in der Geschichte berichtet wird, in irgendeiner Weise in seinem Leben erfahren.

 

Wir versuchen, Antwort auf die Frage nach der Realität des Wunders zu finden. Es reicht nicht zu sagen, dass es sich hier um mythologische Einkleidungen irgendwelcher moralischer oder existentieller Sachverhalte handelt. Ich kann mir einen ernsthaften, relevanten christlichen Glauben nicht ohne Wunderglauben vorstellen. Das beginnt mit dem Wunder der Schöpfung, die eben nicht einfach ein Produkt thermischer Prozesse ist oder sich überzeugend als Ergebnis eines Zufallsmechanismus beschreiben lässt.

Die Frage der Wunder kann aber auch nicht durch irgendwelche Spekulationen oder skurrile Erklärungen geklärt werden. Es kann auch nicht darum gehen, „alternative Fakten“ zu präsentieren oder irgendwelchen postfaktischen Wirklichkeitszugängen das Wort zu reden. Die biblischen Texte warnen davor. Das zweite von Hans Thoma für die Peterskirche gemalte Bild hält uns das in Erinnerung. Maria Magdalena, die erste Zeugin des Auferstandenen, erkennt ihn erst einmal gar nicht. Sie meint, den Gärtner zu treffen. Erst als er sie anspricht: „Maria!“ erkennt sie ihn und bringt ihren Glauben in dem schönen, zärtlichen Wort „Rabbuni“ zum Ausdruck. Aber auch dann gilt: „Rühr mich nicht an!“. Ohne Glauben wird man das Wunder nicht erkennen.

 

Am Beginn meines Theologiestudiums habe ich an einem Kirchentag in Hamburg teilgenommen. Untergebracht war ich bei einem Arztehepaar, das am christlichen Glauben sehr interessiert, aber eben auch kräftig skeptisch war. Am Abend fragten sie mich, ob ich an die Auferstehung glaube. Ich weiß heute noch, 35 Jahre später, wie hilflos ich mich damals mit meinen Antwortversuchen und Erklärungen gefühlt habe.

Heute kann ich anders über das Wunder in meinem Leben reden. Ich weiß mich als Geretteter, auch wenn ich das nicht wirklich plausibel kommunizieren kann. Ich kann aber erzählen, was mir dabei geholfen hat, zu mehr Klarheit zu finden. Ich hatte das Glück, von Menschen umgegeben gewesen zu sein, die mich hier immer wieder herausgefordert haben.

 

Als Kind war ich zeitweise bei meiner Großmutter in Bayreuth und auch später als Jugendlicher habe ich sie oft besucht. Ihr Mann, mein Großvater, starb 1937 mit gerade einmal 35 Jahren in Lindau am Bodensee. Die 33jährige Witwe blieb zurück mit drei Kindern, das jüngste gerade einmal vier Jahre alt. Sie zieht zurück in ihre Heimatstadt Bayreuth. Dort sitzt sie nach harten Jahren im Sommer 1945, acht Jahre nach dem Tod ihres Mannes, im Garten ihres Zuhause. Am Ende des Krieges ist auch noch der Älteste als halbes Kind in den Krieg gezogen, zur Marine. Und sie hört keine Nachrichten mehr von ihm. Man kann sich vorstellen, was die Frau damals gefühlt haben mag. Aber an diesem Sommertag in Bayreuth geschieht für sie ein Wunder. Sie hört ein Geräusch an dem alten Gartentürchen, blickt sich um und sieht ihren verloren geglaubten Sohn durch das Türchen in den Garten kommen.

Ich kenne diese Geschichte seit langem, die Bilder haben sich mir tief eingeprägt. Ich habe als Kind selbst in dem Bayreuther Vorgarten gespielt und ich kenne das Knerzen des Gartentürchens. Und ich kenne die junge Witwe von damals als alte Frau, die um das Wunder in ihrem Leben weiß. Sie hat in den Geschichten von Jesus und dem sinkenden Petrus und Marias Begegnung mit dem Auferstandenen Deutung ihres Lebens gefunden. Und ich kann das für mich heute auch so sagen. Die Eindeutigkeit, die wir uns alle so sehnlich wünschen, gibt es auf dieser Welt nicht. Es hängt alles am Glauben und der muss immer neu durch die Verkündigung des Evangeliums geweckt werden.

 

Ich weiß nicht genau, was den Maler Hans Thoma und den Kunsthistoriker Henry Thode und seine Frau Daniela veranlasst hat, genau diese biblische Geschichte vom sinkenden Petrus und Jesus zur Darstellung zu bringen. Aus dem Briefwechsel Hans Thomas mit Thode lässt sich ersehen, mit welchem Engagement man sich für die Bilder eingesetzt hatte und auf ihre Fertigstellung und Enthüllung hin fieberte. Am 11. November 1902 schreibt Thode an Thoma: „Wir können Sonntag kaum mehr erwarten. Früh vor dem Gottesdienste (um 9 Uhr etwa) sollen die Bilder enthüllt werden – nur Daniela und ich werden dabei sein.“ Am 20. November berichtet Thode dann von der ihn „im tiefsten Innern“ „ergreifenden Feier am Sonntag, in welcher Christus lebendig war.“[2] Noch heute helfen die Bilder, den Inhalt des Evangeliums von der Errettung des kleingläubigen, in sich verkrümmten Menschen zu verkündigen. So wird Christus gegenwärtig.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Das beschriebene Gemälde vom sinkenden Petrus finden Sie hier: http://www.peterskirche-heidelberg.de/kultur/gemalde/

 

[1] Vgl. M. Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, 2015, S. 237.

[2] Hans Thoma Briefwechsel mit Henry Thode 1889-1920, hg.v. J.A. Behringer, 1928, S. 221 u. 223.

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 30.01.2017
zum Seitenanfang/up