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29.03.2013: Universitätspfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Mt 27,33-54

 

Karfreitag 2013, 29. März 2013

Peterskirche Heidelberg

Matthäus 27,33-54

 

Dr. Hans-Georg Ulrichs, Universitätspfarrer

 

 

[Karfreitag ist ein außergewöhnlicher Tag – und heute wird es auch außergewöhnliche Musik geben. Michael Schneider wird das Geschehen mit seinem Kontrabass musikalisch begleiten und mit Improvisationen  interpretieren.]

 

Lesungen

            Jesaja 52,13-53,12 (Gabriele Soyka):

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren!

Gem.: Amen.

            Matthäus 27,33-54 (Hans-Georg Ulrichs)

            mit Begleitung Michael Schneider:

Lesepausen nach vv. 33-37 / 38-44 / 45-50 / 51-54

Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt „Schädelstätte“, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

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Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

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Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

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Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah,

[Lied: Were you there, when they crucified my Lord? (Kopie)]

 

Predigt Matthäus 27,33-54

 

Liebe Gemeinde,

[1.1] es wird jedes Jahr schlimmer, oder? Jahr um Jahr werden die Stimmen derer lauter und forscher, die den Karfreitag für gesamtgesellschaftlich irrelevant halten. Warum sollen die Leute Leid und Tod bedenken, man will leben – und tanzen. Kirchlicherseits scheint man gelegentlich bereits mit dem Latein am Ende zu sein, etwa wenn man sich einfach auf die nun einmal gegebene Rechtslage zurückzieht und dann nur noch zu sagen weiß: „Es besteht kein Grund, an der derzeitigen Gesetzgebung etwas zu ändern.“

 

Vermiest der Karfreitag die sonst mögliche Frühlingsstimmung? Macht der christliche Glaube Mensch und Welt erst schlecht, um dann von einer Erlösung reden zu können? Ist Karfreitag nicht irgendwie abständig – da müssen Fragen gestellt werden, denen man gerne aus dem Weg geht.

 

[1.2] Wie konnte es so weit kommen? Warum tun Menschen sich gegenseitig so etwas an? Wie kann es sein, daß bei aller Zivilisation doch das Böse plötzlich so mächtig wird? Und wo warst Du? Und wo wäre ich gewesen?

 

Das könnten Karfreitagsfragen sein – aber diese Fragen werden seit Wochen in unserem Land gestellt. Auch wer den filmischen Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ nicht gesehen hat, konnte diesen Fragen nicht entgehen: Zeitungen stellten sie, in Talkshows wurden sie ventiliert, man diskutierte im Freundeskreis und am Arbeitsplatz darüber. Ich habe bis heute nicht den Mut gefasst, meinen Vater zu fragen, ob er – Jahrgang 1931 – Mitglied der HJ gewesen ist. Wo warst Du? Vielleicht traue ich mich nicht, weil ich dann auch fragen müsste: Wo wäre ich gewesen?

 

[1.3] Heute feiern unsere jüdischen Mitbürger das Passahfest. Sie erinnern sich an ihr Geschick, daß sie aus dem Leid und der Unterdrückung in die Freiheit geführt worden sind. Das Volk Israel hat Befreiung erfahren – nach langem Leid. Und auch der weitere Weg des Volkes Gottes war nicht nur Glückseligkeit. Vielmehr hatte man allen Grund, sich auch mit dem leidenden Gottesknecht zu identifizieren, von dem wir in der Lesung vorhin hörten. Auch Jesus litt und starb – als jüdischer Mensch. Vom jüdischen Leid der zurückliegenden 2000 Jahre brauche ich nicht zu erzählen. Gerade an den Karfreitagen brach oft der antijüdische Hass los. Ihr Freiheitsfest wurde nicht selten zu einem Fest mit schrecklichen Opfern.

 

[1.4] Wer von der Freiheit und vom Leben singen will, darf vom Leid und vom Tod nicht schweigen. Wer auf Heil hofft, darf diese Welt nicht ausblenden. Wer auf Gräbern tanzen will, der darf eben nicht ignorieren, dass es Gräber sind.

 

[2] Unter dem Kreuz, angesichts des Leids, wird die erste christliche Gemeinde gesammelt. Das stellt eigentlich alle Vorstellungen vom Göttlichen auf den Kopf. Was hat Gott auf Golgatha verloren?

Wie konnte es so weit kommen? Warum tun Menschen sich gegenseitig so etwas an? Und wo warst Du? Wo wäre ich gewesen?

 

[2.1] Golgatha ist – wir haben es in der Lesung gehört – der Ort der Verdrängung und Verhöhnung des Menschen, auch dessen, zu dem man sich als dem Sohn Gottes bekennen kann. Auch Gott wird verhöhnt und verdrängt. Dreimal wird der leidende Mensch durch Taten von der Soldateska verhöhnt.

[2.1.1] Zunächst: Dem beruhigenden Getränk des Weins wird die bittere Galle beigemischt, die man erst nach dem Trinken schmeckt und die einen dann erschaudern lässt – vermeintlich wird Hilfe angeboten, aber tatsächlich weidet man sich anschließend am gesteigerten Leid. Warum tun Menschen sich gegenseitig so etwas an? Und wo warst Du? Wo wäre ich gewesen?

[2.1.2] Sodann wird der leidende Mensch schutzlos gemacht, selbst die Kleider werden ihm abgenommen. Unsere Bilder und Vorstellungen vom Kreuz verharmlosen vermutlich die Szene, weil wir sie gar nicht ertragen können. In den so intimen Augenblicken des Schmerzes, des Leidens und Sterbens wird Jesus nackt der Öffentlichkeit präsentiert. Warum tun Menschen so etwas?

[2.1.3] Und schließlich verspotten diejenigen, die in dieser Situation Macht und Gewalt haben, den Leidenden als „König“ – aber derjenigen, der unter der Gewalt der Macht zu Tode kommt, kann ja nicht der Herrscher sein. „König“ stand geschrieben, aber das Gegenteil war gemeint: Heute würde man wohl sagen „looser“ oder „Opfer“.

Wo wäre mein Platz gewesen? Hätte ich – wie heimlich auch immer – von der Macht profitiert und hätte mich geweidet am Leid des Leidenden oder hätte ich einfach geschwiegen – sei es aus Furcht oder aus Feigheit? Und wenn ich den Karfreitag auf geschichtlichen Abstand halten kann – wo ist denn heute mein Platz, wenn ich Verdrängung und Verhöhnung, grausame Macht und Leid wahrnehme? Oder eile ich vorbei, um tanzen gehen zu können?

 

[2.2] Golgatha ist der Ort der Verdrängung und Verhöhnung des Menschen, auch dessen, zu dem man sich als dem Sohn Gottes bekennen kann. Auch Gott wird verhöhnt und verdrängt. Dreimal wird der leidende Mensch durch Worte verhöhnt:

[2.2.1] Da sind zunächst die Passanten, nein, zufällig waren sie nicht da, sie wussten doch um Golgatha, sie wussten vom dortigen Leid und richten ihre Schritte absichtsvoll dorthin. Hier findet eine Hinwendung zum Leid statt, nicht um dem Leid abzuhelfen, sondern um sich selbst ins Recht zu setzen: Die Logik ist: Dem Leidenden geschieht kein Recht, wenn ich aber nicht leide, dann bin ich im Recht. Das ist die Brutalität des „Ich helfe mir selbst“.

Die Passanten sind die Öffentlichkeit, in der Jesus vorher verkehrte. Die Öffentlichkeit wendet Jesu eigenes Wort gegen ihn: Du Tempelabreißer und –aufbauer, nun zeig Dich doch als Vom-Kreuz-Herabsteiger. Hilf Dir selbst – was für ein Hohn, wenn jemand in der Gewalt der Machthaber ist und dem Tod entgegenblickt. Wir mögen ja der Öffentlichkeit, der plebs noch solchen unanständigen Hohn beinahe nachsehen können, aber

[2.2.2] sodann tritt die gesellschaftliche Elite auf und stimmt in den öffentlichen Spottgesang mit ein, freut sich im und am Hohn, dass die Verdrängung Jesu zu gelingen scheint. Von einer rationalen und kritisch-konstruktiven Beobachtung und Teilnahme am Leben, das den intellektuellen Eliten gut anstünde, von einer Selbstkritik der Macht, die Profiteuren der Machtverhältnisse wohl zierte, ist hier nichts zu spüren. Das, liebe Gemeinde, sind nun meine Vorgänger, wenn ich so sagen darf. Und ich müsste mich sie zu fragen trauen: Wo wart denn Ihr? Und ich müsste die Frage aushalten: Wo wäre denn ich gewesen? Und wo bin ich heute, der ich so gerne schriftgelehrt und priesterlich das Wort führe, wenn die Öffentlichkeit sich höhnisch am Leid erfreut, das eigene Rechthaben sucht und dafür andere Menschen verdrängt? Mir sind Name und Titel wichtig – schütze ich andere oder verberge ich mich nur allzu gerne in der Menge?

[2.2.3] Schließlich schmähen selbst die so genannten Räuber, die – in gleicher Situation wie Jesus – sich mit ihm doch identifizieren können müssten, die doch solidarisch sein müssten. Nein, auch Leid, auch gemeinsames Leid macht uns Menschen noch nicht automatisch und notwendigerweise barmherziger.

 

[2.3] Golgatha ist – zum Dritten – der Ort der Verdrängung und Verhöhnung des Menschen, auch dessen, zu dem man sich als dem Sohn Gottes bekennen kann. Auch Gott wird verhöhnt und verdrängt. In drei Stunden stirbt der leidende Mensch. Es wird dunkel, Finsternis breitet sich aus. Hier geschieht, entgegen den Intentionen der Machthaber und der Passanten, Hohes und Großes. Selbst die natürlichen Verhältnisse verlassen ihre Konventionen. Der Leidende sucht Halt am schlechthin Hohen, Großen, bei Gott. Und er fügt dem großen Gott den kleinsten jüdischen Buchstaben zu, um seiner habhaft zu werden: el – i / mein Gott. Nicht einer fremden Schicksalsmacht gilt die Frage nach dem „warum“, sondern dem vertrauten Gott. Warum, mein Gott? Wie konnte es so weit kommen? Warum tun Menschen sich gegenseitig so etwas an? Wie kann es sein, dass nicht das Gute herrscht, sondern das Böse, dass nicht das Leben siegt, sondern der Tod das letzte Wort hat?

Auch wenn Matthäus uns in seinem Evangelium nicht voyeuristisch bedient, wie manch spätere Inszenierungen des Karfreitags es getan haben, er verklärt auch nicht. Jesus stirbt weder tapfer noch lautlos, sondern schreit verzweifelt. Er schreit zu Gott. Er schreit ein letztes Mal. Wirklich Gehör findet er nicht bei den Menschen. Erst anderes führt auf die Spur:

 

[2.4] Das scheinbar Ewige gerät aus den Fugen. Drei Zeichen stehen dafür:

[2.4.1] Der Vorhang des Tempels zerreißt, das für Menschen Heiligste liegt nun, als der Leidende noch nackt am Kreuz hängt, quasi nackt da, hilflos wirkt der religiöse Kult, die Riten bieten keinen Halt mehr.

[2.4.2] Das unvorstellbare Große und damit das Unzerstörbare wird an den Rand der Zerstörung gebracht: Die Erde bebt, Felsen zerreißen. Das ist undenkbar, ohne Analogie, eigentlich nicht möglich – oder doch?

[2.4.3] Wenn schon Recht und Relevanz von Religion und Raum relativiert werden, dann gilt doch bestimmt als Letztes der Tod, oder? Nein, Gräber öffnen sich, der Tod hat nicht das letzte Wort und die größte Macht. Offenbar wird dies, wie Matthäus bereits hier berichtet, aber erst nach Jesu Christi Auferstehung – also in drei Tagen.

 

[3] Unter dem Kreuz, angesichts des Leids, wird die erste christliche Gemeinde gesammelt. Nach Verhöhnung und Verdrängung durch die eigenen Leute, durch die besonders klugen Leute, nach den Schmähungen selbst der Mit-Opfer, sind es nun ausgerechnet römische Soldaten, die jetzt das Bekenntnis aussprechen: Es ist wahr, dieser Jesus ist Gottes Sohn. Kurz zuvor hatten sie sich noch als heidnischer Mob erwiesen – und nun erkennen und bekennen sie. Dieses Bekenntnis ist überraschend, überraschend aus dem Mund gerade dieser Leute, überraschend auch der Zeitpunkt. Auch an Karfreitag wird das christliche Bekenntnis laut: Dieser Jesus ist Gottes Sohn. Karfreitag ist nicht das inszenierte Scheitern und die Dunkelfolie, auf der man dann Ostern hervorheben und feiern kann. Das Leid findet seinen Sinn nicht darin, dann anschließend die Überwindung des Leids feiern zu können. Karfreitag gehört ganz zur Geschichte Gottes dazu, zum Leben Jesu, und eben auch zu unserem Leben. Und wie uns unsere Geschichte und unser Leben beständig fragen, wo wir denn stehen, fragt uns Karfreitag mit Blick auf Welt und Mensch und Gott und Jesus, wo wir unseren Standpunkt haben. Das ist die Karfreitagsfrage schlechthin. An Karfreitag entscheidet es sich, es scheiden sich hier die Geister, die Krise (krisis) ist da, weshalb alles ins Wanken gerät, und mit allem doch wohl auch unsere Gottesvorstellungen und Gottessehnsüchte. Jesus sagt am tiefsten Punkt „Mein Gott“ – und die früheren Heiden erkennen in ihm den „Sohn Gottes“.

 

Golgatha ist der Ort der Verdrängung und Verhöhnung des Menschen, auch dessen, zu dem man sich als dem Sohn Gottes bekennen kann. Auch Gott wird verhöhnt und verdrängt – das kann gar nicht verharmlost werden. Aber: Die Verdrängung Gottes und des Menschen hat ein Ende gefunden in der Auferstehung, das ist auch gegen den Schein dieser Welt und gegen unsere Erfahrungen tapfer und trotzig herbei zu hoffen. Die Verhöhnung Gottes und des Menschen ist mit Karfreitag aufgehoben worden in den Lobgesang der Gemeinde. Es ist der Lobgesang der Befreiung und des Heils, es ist der Lobgesang des Glaubens und des Lebens. Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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