29.05.2014: Prof. Dr. Theo Sundermeier über Apg 1,8b-11

Predigt, Himmelfahrt, Peterskirche, Heidelberg, 29. 5. 2014

 

Text:    Apg. 1, 8b-11

 

Prof. Dr. Theo Sundermeier

 

 

Jesus sprach zu den Jüngern: Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Welt.

Und da er solches gesagt hatte, ward er aufgehoben und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.

Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und seht gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.

 

Vor einigen Wochen bekam ich ein Buch mit der folgenden Widmung geschenkt: „Die Krone liegt im Sand“.  Der Satz ist die Überschrift zu einem Gedicht von den drei Königen, von denen einer seine Krone verloren hat. Aber trifft das nicht auch auf den Himmelfahrtstag zu? Seine Krone hat er verloren. Einst hatte dieser Tag im Kirchenjahr einen besonderen Platz. Deshalb wurde er auch nach dem 2. Weltkrieg als arbeitsfreier Tag staatlich gewürdigt und anerkannt. Als die Kirchen vor Jahren jedoch gefragt wurden, welchen kirchlichen arbeitsfreien Tag sie aus ökonomischen Gründen der Arbeitswelt zurückgeben könnten, wurde ernsthaft der Himmelfahrtstag in Erwägung gezogen. Viele Prediger können einfach mit diesem Tag, aus welchen Gründen auch immer, nichts anfangen. Doch dann waren es ausgerechnet die Hoteliers und Restaurantbesitzer die protestierten. Sie würden einen wichtigen Ausflugstag und damit große Einnahmen verlieren. So ist den Kirchen der wenig geschätzte Tag erhalten geblieben. Ja, die Krone dieses Tages ist in den Sand gefallen. Der Tag wurde profanisiert, gedemütigt, zum „Vatertag“ umgewidmet. Die Rhein Neckar Zeitung zeigt auf einer ganzen Seite Orte an, wo Grillpartys gegeben werden.

Ist er als „Vatertag“ für die Kirche noch zu retten?

Bücken wir uns einen Moment in den Sand und entstauben die Krone. Da haben sich so viele Mißverständnisse angesammelt. Wir brauchen ein starkes Staubtuch.

Das größte Mißverständnis ist darin begründet, daß wir die Bildsprache der Bibel nicht mehr verstehen, sondern sie unserm Denken, unserm Weltbild anpassen. Dadurch wird der Bericht von der Himmelfahrt so unglaubwürdig, wenn nicht lächerlich. Gewiß hat neben dem Text selbst auch die Malerei zu diesem Mißverständnis beigetragen und das Undarstellbare dargestellt. Zwar wußten die meisten Maler, daß dieses Thema ihre Kunst überschreitet. So haben sie im Mittalter gelegentlich nur die Füße Jesu am oberen Rand des Bildes gemalt oder nur seine Fußabdrücke auf der Erde.

Nur die Fußabdrücke auf der Erde - das ikonographische Motiv sagt Wichtiges über die Wahrheit der Himmelfahrt aus.

Denn wo ist der Himmel?  Das fragte ich vor Jahren Konfirmanden, als ich noch Konfirmandenuntericht gab. Sie reagierten spontan: Der Himmel ist überall. Und wo ist dann Gott, zu dem Jesus „aufgefahren“ ist? Etwas zögerlicher kam die Antwort: Gott ist überall! Richtig! Hatte nicht schon Martin Luther darüber gespottet, daß man sich Gott in einem Wolkenkuckucksheim über uns vorstellt?! Doch das wurde offenbar vergessen.

Aber was heißt dann Himmelfahrt?

Das Problem fängt damit an, daß wir nicht wie im Englischen zwischen „sky“ und „heaven“ sprachlich unterscheiden. Christus ist nicht wie ein Astronaut in den „sky“, den blauen Himmel über uns aufgefahren, sondern er wurde von Gott aufgenommen.

Daß Gott ihn aufnahm, sagt unmißverständlich unser Text. Die „Wolke“ ist im AT das Symbol für die Gegenwart Gottes. In einer „Wolke“ zog Gott her vor den Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten. Die Wolke zeigt Gottes Gegenwart an. Wenn unser Text sagt: Eine „Wolke nahm ihn vor den Augen der Jünger weg“, heißt das, er wurde in die Wirklichkeit Gottes aufgenommen. Mit einem dem Astronauten ähnlichen Start hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Und noch etwas muß vorab geklärt werden. Warum feiern wir diesen Tag 40 Tage nach Ostern? (Und nicht 39 Tage nach Ostern, wie die RNZ schrieb.)

40 ist die Zahl der Vollendung. 40 Jahre waren die Israeliten in der Wüste, bis sie in das Gelobte Land einziehen konnten. 40 Tage war Jesus in der Wüste, wo er versucht wurde und der Versuchung widerstand.  Himmelfahrt, 40 Tage nach der Auferstehung, zeigt an, daß Jesu Wirken auf der Erde vollendet ist. Alles ist getan. Nichts muß mehr hinzugefügt werden. Nun wird er nicht mehr sichtbar bei den Jüngern erscheinen. Jetzt haben wir nur noch seine Worte und sein Wirken, gleichsam seine Fußabdrücke.

Die Krone liegt im Sand. Heben wir sie auf.

Himmelfahrt - Vatertag. In dieser säkularen Umbenennung und Umorientierung des Festes steckt ein Körnchen Wahrheit. Pusten wir den Staub von der Krone.

1. Himmelfahrt hat es an erster Stelle mit Gott zu tun. Und zwar mit dem Gott, der in seinem Wesen Liebe ist. Der seinen Sohn, wie es im Johannesevangelium heißt, „vor Grundlegung der Welt“ geliebt hat (Joh. 17, 24). Gott ist kein in sich selbst ruhender Gott, ist kein Gott, der immer allein, losgelöst, absolut ist. Zu seinem Wesen gehört die Beziehung zum anderen. Das macht das Geheimnis seines Wesens aus. Das wird in dem so schwer zugänglichen Wort „Trinität“ festgehalten. Gott ist immer relational, bezogen auf den Sohn und mit ihm den Heiligen Geist.

Unlängst sagte ein Reiseleiter auf einer Busfahrt in der Türkei, der den Islam erklären wollte:  „Wir Menschen sind immer nur Mensch mit anderen Menschen, nur Gott ist allein“! Nein, eben nicht! Es macht einen großen Unterschied, ob wir von dem Monotheismus des Islams sprechen oder den Gott und Vater Jesu Christi meinen. Dort geht es um die absolute, in sich ruhende, von allem unabhängige Allmacht und sein absolutes Herrschersein. Wir aber lernen durch Jesus, daß Gott immer schon in Beziehung zum Sohn lebt. Diese Beziehung ist durch Liebe bestimmt. Aus Liebe hat er die Welt geschaffen und steht nun in ganz besonderer Weise in einer Beziehung zu seiner Schöpfung und uns Menschen. Gott ist nicht der „unbewegte Beweger“, wie ihn sich griechische Philosophie dachte, sondern er wirkt in seiner Schöpfung und durch seine Schöpfung täglich, stündlich, in jeder Minute. Was immer wir von der Evolution wissen, er ist es, der in allem wirkt.

Himmelfahrt aber sagt noch mehr. Jesus wurde Mensch - und dieses Menschsein des auferstandenen Jesus nimmt Gott nun in seine Wirklichkeit hinein.  D.h. alles, was Jesus an Leid, an Freundschaft („Ihr seid meine Freunde“), an Freude, Verzweiflung, Anfechtung und Tod erfahren hat, das geht nun in die Wirklichkeit Gottes ein. Gott lebt und wirkt nicht mehr ohne diese Erfahrung. Himmelfahrt heißt, daß durch Jesus unser Menschsein nun näher bei Gott ist als je zuvor.  Das ist doch auch der Grund dafür, daß Gott unsere Schwäche nicht ausnutzt und seine Macht blindlings ausübt, sondern uns in unsere Freiheit entläßt, aber auch uns in unserer Not beisteht und uns nahe ist. Jesu Erfahrung gehört nun zu Gott.

Himmelfahrt ist der Tag des Vaters - „Vatertag“ ist kein so falscher Name, wenn wir ihn nur richtig verstehen und aus dem Staub aufheben. Die Krone fängt an zu glänzen.

 

2. Himmelfahrt ist zweitens der Tag Jesu. Viele kennen sicherlich das Gespräch zwischen einem Rabbi und seinem Schüler. „Ich gebe Dir 10 Dollar, wenn Du mir sagst, wo Gott ist“, sagt der Schüler. Der Rabbi antwortet: „Ich gebe Dir 20 Dollar, wenn Du mir sagst, wo Gott nicht ist“. Kann dieses Frage-Antwort Gespräch auch erweitert auf Jesus angewandt werden? Die Antwort lautet: Ja! Die irdische, menschliche Präsenz des Auferstandenen ist zu seinem Ende gekommen. Eine neue Gegenwart, die nicht mehr die irdische und räumliche Begrenzungen kennt, beginnt mit diesem Tag. So wird von nun an in der ganzen Welt - und auch hier in Heidelberg - gelten: „Wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammenkommen, da ist er mitten unter ihnen“! Heißt Himmelfahrt dann also: Jesus ist nicht in den Himmel gefahren?  Ja, so deutlich muß das gesagt werden, wohl gemerkt, wenn Himmel nicht „sky“ meint, wie das in unserer Sprache nun einmal festgelegt ist. Jesus „fuhr“ nicht gen Himmel, sondern ist in die göttliche Gegenwart aufgenommen. Er ist jetzt nicht mehr körperlich an Raum und Zeit gebunden. Er kennt nicht mehr die Schranken der Materie, sondern ist da, wo wir ihn anrufen, wo wir ihn glauben, wo wir seiner bedürfen. Himmelfahrt heißt also: Jesus kommt zu uns. Er ist nicht fortgegangen, sondern seine Präsenz ist nun für alle in anderer Weise erfahrbar. Sie ist im Gebet spürbar, im Segen erlebbar, im Abendmahl greifbar.  Wenn wir das Abendmahl feiern, ist er gegenwärtig, so wie er da war bei den Jüngern in Jerusalem beim letzten Mahl - nur eben jetzt in der für uns unsichtbaren Präsenz des Heiligen Geistes und in Wein und Brot tastbar.

 

3. Himmelfahrt hat es drittens mit uns Menschen zu tun.  Wie die Präsenz Jesu entgrenzt ist, so überwindet auch seine Botschaft alle Grenzen und wird für die ganze Welt relevant. Jesu irdisches Wirken hat sich ganz auf das Land Israel beschränkt. Nur gelegentlich und sehr zögernd hat er Menschen anderer Herkunft und Nationalität angesprochen: eine syrische Frau, einen römischen Hauptmann.  Das war gleichsam ein erster Schritt in die Richtung, die seine Jünger später gehen sollen. Himmelfahrt markiert diese Zäsur. Nun gilt seine Botschaft allen Menschen. Jetzt sind die Jünger angesprochen:„Ihr werdet meine Zeugen sein“. Auch wenn er anders klingt als im Matthäusevangelium, auch dies ist ein „Missionsbefehl“. In unserm Text wird indikativisch ausgesagt, was dort als Befehl („Gehet hin in alle Welt...“) ausgedrückt wird. Hier heißt es: Ihr werdet meine Zeugen sein. Da gibt es kein Wenn und Aber. Weil es keinen Befehl gibt, gibt es keine Befehlsverweigerung. Wir sind Zeugen. Das gehört zum Sein des Christen. Wir sind Zeugen, so oder so, im positiven wie im negativen Sinn. Wir sind Zeugen, mit Worten, in unsern Werken, durch unser Dasein und Sosein. Mich hat seit meiner Jugend ein chinesisches Sprichwort beeindruckt: „Mensch, was du bist, redet so laut, daß man nicht mehr hört, was du sagst.“

In Japan war ich in Tokio bei einer vornehmen älteren Dame zum Abendessen eingeladen. Ihr Mann, der Chef einer Firma, war vor einiger Zeit gestorben. Während des Essens stand ein Mann auf - nun offenbar der Geschäftsführer der Firma, und sagte: „Der Verstorbene hat mich immer durch sein Leben, sein Auftreten, seinen Umgang mit Menschen so beeindruckt, daß ich wie er sein wollte. Er hat aber nie gesagt, daß er Christ war. Als ich das bei der Beerdigung hörte, verstand ich, daß sein vorbildliches Leben in seinem christlichen Glauben gründete. Da wurde ich Christ und ließ mich taufen.“

Unser Text enthält keine Missionsstrategie. Was er aber sagt, sagt er unmißverständlich: Ihr Jünger: seid, was ihr seid. Ihr wart Zeugen der großen Taten Gottes im Leben Jesu. Ihr seid Zeugen seiner Verkündigung, seines Sterbens und seiner Auferstehung. Lebt das und sprecht davon, wenn Ihr gefragt werdet und wo immer ihr seid.

Wenn wir ein wundervolles oder ein ein schreckliches Erlebnis gehabt haben, so können wir nicht anders, als davon zu berichten, sei es als Zeuge bei einem Unfall oder als Zeuge von der Geburt eines Kindes. So wie die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem überall erzählten, was sie gehört und gesehen hatten.

Das und nur das wird von uns Christen erwartet. Eine räumliche und religiöse Begrenzung gibt es seit der Himmelfahrt nicht. Von Jerusalem, Samaria und bis an die Enden der Welt sind wir Zeugen, sagt unser Text. D.h. vor Juden, Muslimen, Buddhisten, vor Atheisten und im Glauben schwachen Christen, überall gilt es, den Glauben an Christus zu leben und durch unser Leben, durch Tat und Wort zu bezeugen. Dieser Auftrag kennt keine Beschränkung, weder räumlich, noch politisch, noch zeitlich. Überall und bis an das Ende der Zeiten.

Leben wir das? Ich fürchte nein. Wie schwach wird die Herrlichkeit des christlichen Glaubens bei uns gelebt. Sei es in der Kirche, in der Verkündigung, in den Vorlesungen , in der Schule im Religionsunterricht, in der Jugendarbeit, vielleicht noch am deutlichsten in der diakonischen Arbeit. In welch einem Ausmaß erleben wir nicht eine „Selbstsäkularisierung“ (W. Huber) der Kirchen und Christen. Unsere Kultur verleitet zu laschem Christsein. Anders in Ländern, wo es nicht selbstverständlich ist, Christ zu sein, sei es in China, in Pakistan in Nordafrika und anderen Ländern der sog. Dritten Welt.

Die Rat der EKD, spricht  in einem Papier zur i Selbstbestimmung und iSelbstverständnis der Kirche davon, daß sie Leuchtfeuer in der Welt ist und sein soll. Aber wir erleben es doch überall in unseren Gemeinden, daß, wie ein japanisches Sprichwort sagt, daß es am Fuße des Leuchtturms dunkel ist.

Der so oft so verschmähte Himmelfahrtstag ist ein Mutmacher, ein Tag der uns stärken und fröhlich machen will und kann.

Er ist wirklich ein Vatertag. Der Tag, der uns der Gegenwart des Vaters gewiß macht, seiner Macht, mit der er den Auferstandenen in seine Wirklichkeit, in das Reich seines unmittelbaren Wesens und Wirkens in aller Welt hineingenommen hat.

Er ist ein Tag Jesu, den wir kennen und von dem wir nun wissen: er ist Teil der Wirklichkeit und Gegenwart Gottes.

Und Himmelfahrt ist unser Tag. Wir sind nicht allein. Gott kommt zu uns. Gott läßt uns an der Macht seiner Liebe zu Christus teilhaben. Davon sind wir Zeugen, täglich und überall.

 

                                                                      Theo Sundermeier

 

 

 

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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