29.11.2009: Prof. Dr. Helmut Schwier im Kantatengottesdienst

 

„Nun komm, der Heiden Heiland“

(Predigt im Universitätsgottesdienst am 1. Advent, 29. November 2009, zur gleichnamigen Kantate von Johann Sebastian Bach [BWV 61])

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

Ouverture (Chor):

Nun komm, der Heiden Heiland,

der Jungfrauen Kind erkannt,

des sich wundert alle Welt,

Gott solch Geburt ihm bestellt.

(BWV 61, 1)

 

„Ouvertüre“, liebe Gemeinde, nennt Johann Sebastian Bach den ersten Satz seiner Kantate. 1714 in Weimar komponiert, ist sie ein frühes Werk des 29 Jahre jungen Komponisten.

Die große Tradition des lateinischen Hymnus nimmt Bach in Luthers Bearbeitung auf: große, ehrwürdige Tradition! Und was macht er damit? „Ouvertüre“ schreibt er über den Eingangschor. Er verbindet die große Kirchentradition mit der damals modernsten Musik, die er kannte, mit der französischen Ouvertüre, ihrem langsamen Beginn mit majestätischem Schreit-Rhythmus, einem schnellen Mittelteil und einem majestätischen Schluss. Tradition und Moderne ineinander! In gleicher Weise wiederholt es Bach übrigens 10 Jahre später bei der zweiten Kantatenvertonung dieses Chorals; da komponiert er in der dann modernsten Form eines italienischen Konzertes à la Vivaldi.

Welche Tradition ist es, die hier aufgenommen wird? Sie hat tiefe Wurzeln, reicht bis in die Anfänge des kirchlichen Singens. Vor über 1600 Jahren entstand der erste Text. Ambrosius, etwa 333/334 in Trier geboren und mit 40 Jahren Bischof von Mailand, dichtete den Hymnus „Veni redemptor gentium“. In strenger Form bildete er 8 Strophen, gedacht zunächst für das persönliche Gebet der Priester, dann aber auch für den Gesang im Gottesdienst, im Mittelalter zunehmend aufgeführt von Klerikern, Mönchen oder Berufsmusikern. Zur Zeit des Ambrosius wurden seine Hymnen auch von der Gemeinde gesungen. Wie das klang, wissen wir nicht, weil es keine überlieferten Melodien gibt. Wir wissen allerdings, dass in Mailand damals nach der „Weise des Orients“ gesungen wurde – gemeint ist der östliche Mittelmeerraum, vielleicht klang es also so ähnlich wie griechische oder türkische Volksliedmelodien – auf jeden Fall fremder und ekstatischer für unser Ohr als das, als wir gemeinhin mit Gregorianik verbinden. Augustinus, der von Ambrosius getauft wurde, berichtet von der Wirkung dieser Mailänder Gesänge: „Die Weisen drangen an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz […]: die Tränen flossen, und mir war wohl bei ihnen“ (Bekenntnisse 9, 14). Die gesungenen Hymnen wirkten also auf das Gemüt und steigerten Wohlbefinden und religiöses Gefühl.

Wie einige vor ihm (z.B. Thomas Müntzer) griff Martin Luther die lateinischen Verse auf und übertrug sie in die deutsche Sprache. Er schuf Reime, die damals wohllautend klangen, obwohl wir sie heute als holprig empfinden; und er behielt einen Sprechrhythmus bei, der freier war als ein gebundenes Gedicht oder ein strenger Hymnus. Die Melodie, die etwa 1100 Jahre alt ist (wir haben sie zu Beginn des Gottesdienstes gehört), passte Luther mit behutsamen Änderungen den neuen Worten an. Aus dem ambrosianischen Hymnus und gregorianischen Choral wurde jetzt ein deutsches Kirchenlied für die Gemeinde.

Bach verändert Luthers Melodie an einigen Stellen, verziert und modernisiert. Nicht mehr im alten Kirchenton, aber in majestätischer Weise lässt er die erste Choralzeile zunächst einstimmig, durch alle Stimmen hindurch vortragen, vier Mal: „Nun komm, der Heiden Heiland“, und dann mit vierstimmigem Nachdruck: „der Jungfrauen Kind erkannt“.

Ambrosius, Luther und Bach bilden Tradition, aber verändern sie gleichzeitig und verschmelzen sie mit der Gegenwart – Ambrosius und Luther mit theologischer Poesie, Bach mit theologischer Musik. Poesie und Musik, die von Gott künden!

Alle Menschen, die die kulturprägende Kraft des Christentums bewundern und darin ihre Verbindung, ihre Brücke zur Botschaft Jesu und zum Evangelium sehen, stoßen auf solche geprägte und je neu gestaltete Tradition und auf ihren Anspruch. Ich gehe gern über die poetischen und musikalischen Brücken, weil ich hierbei oft etwas vom Glauben und vom Evangelium spüre und verstehe. Auch in meinem, in unserem Hören soll die Tradition mit der Gegenwart verbunden sein und dort ihre Poesie, ihren Klang, ihre Schönheit, ihren Anspruch entfalten. Denn Tradition heißt ja, frei nach Thomas Morus: die Flamme weitergeben und nicht: die Asche aufbewahren.

Ambrosius, Luther und Bach bilden theologisch-ästhetische Traditionen, und sie eröffnen gemeinsam den Blick in eine andere Welt. Sie zeigen die Spuren der Ewigkeit. Sie betrachten, erzählen und anbeten das Wunder der Menschwerdung Gottes. Für uns nicht mehr so leicht durchschaubar fließen hier Gebet und Bericht in- und durcheinander, geheimnisvoll in der 1. Strophe.

Die Heiden - das sind wir: alle Menschen, alle Völker, die nicht zum ersterwählten Volk Gottes, zu Israel zählen! Angesprochen wird hier Jesus, aber nicht mit seinem Namen, sondern mit seinem Titel, also mit seiner Bedeutung für uns: Er ist der Heiland, der Retter und Befreier aller Völker. Er zeigt uns Menschen den Weg der Freiheit. Gott selbst hat den Freiheitsweg gewollt - von Anfang an. Deshalb ist auch die Geburt des Retters eine besondere: Der Heiland wird als der Jungfrau Kind erkannt.

Wir missverstehen die Jungfrauengeburt, wenn wir sie als biologische Tatsache oder als biologisches Problem betrachten. Wir missverstehen sie aber ebenso, wenn wir sie als randständig beiseiteschieben - wie das viele nicht nur evangelische Theologen in ihrer Verlegenheit tun.

Ich verstehe die Jungfrauengeburt so: Sie ist ein Bild, mit dessen Hilfe wir tiefer verstehen und glauben können, was sonst verloren ginge. Immer wieder hören wir heute durch alle Aufforderungen zum Handeln hindurch, die sehr nötig sind, den Ruf nach Liebe, nach einer Liebe ohne Gewalt, nach einer Zärtlichkeit, die nicht Unrecht und Tränen auslöst.

Angesichts von Kindern, die missbraucht werden, angesichts der zahlreichen Frauen, die männlicher Gewalt hilflos ausgeliefert sind, ja, auch angesichts der Männer, die in ihrer Gewaltandrohung und -anwendung gefangen scheinen und doch verantwortlich sind, sind wir zum Handeln gerufen in Politik, Gesellschaft und Nachbarschaft. Wer hier wegschaut, lädt Schuld auf sich. Keine Frage! Aber in der Tradition der Kirche stehend bekennen wir gleichzeitig: Es gibt eine Stelle in dieser Welt, an der die Liebe ohne Gewalt Gestalt gewinnt, an der Liebe und Freiheit zusammenklingen: „der Heiden Heiland“ bezeichnet diese Stelle; Jesus verkörpert sie, der als der Jungfrauen Kind sich zu erkennen geben möge. Darüber staune alle Welt, denn solche Geburt ist menschlich unmöglich; aber sie geziemt Gott, der die reine Liebe und Zärtlichkeit ist.

Dies ist die Ouvertüre, die Tradition und Gegenwart immer neu öffnet, die Einzugsmusik für Gottes Heiland, der alle Welt in Verwunderung versetzt.

 

Rezitativ (Tenor):

Der Heiland ist gekommen,

Hat unser armes Fleisch und Blut

An sich genommen

Und nimmet uns zu Blutsverwandten an.

O allerhöchstes Gut,

Was hast du nicht an uns getan?

Was tust du nicht

Noch täglich an den Deinen?

Du kömmst und lässt dein Licht

Mit vollem Segen scheinen.

 

Arie (Tenor):

Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche

Und gib ein selig neues Jahr!

Befördre deines Namens Ehre,

Erhalte die gesunde Lehre

Und segne Kanzel und Altar!

(BWV 61, 2+3)

 

 

Der Heiden Heiland ist nicht aus Gott allein geboren. Er wurde von einer Frau 9 Monate in ihrem Leib getragen und zur Welt gebracht; er hat unser armes Fleisch und Blut an sich genommen, ist uns blutsverwandt, unser Bruder; er ist, wie es die Alte Kirche dialektisch formulierte, wahrer Mensch und wahrer Gott. Dieses dialektische Bekenntnis hat eine sehr einfache Konsequenz: Christus ist mit den Menschen aufs Engste verbunden, nicht weil er bloß ein Mensch wäre wie wir, sondern weil er Gott ist und das Kind der Jungfrau Maria.

Die kleine schöne Melodie am Ende des Rezitativs singt in unser Ohr und Herz: Dieser Christus kommt und lässt sein Licht in segensreicher Fülle scheinen. Das Bekenntnis wird in gleichem Atemzug zum Gebet, zur Bitte: Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche.

Die Kirche verfügt nicht über Gott, sondern sie betet zu Gott. Das ist ihr besonderes Kennzeichen. Auf diese Weise ist sie bei ihrem Auftrag und erkennt ihn: Die Kirche betet und sie soll Gottes Ehre fördern – also nicht ihre eigene Ehre; das haben wir in diesem Jahr der Neubegegnung mit Calvin entdeckt und gelernt. Die Kirche soll eine gesunde Lehre verkünden; ihre Aufgabe ist nicht, die Welt mit Gott zu vergiften, sondern zum Wohl und zum Heil der Menschen zu wirken.

Durch die Jahrhunderte, aber auch in unserer Zeit machen Menschen die verstörende, mitunter verletzende Erfahrung, dass vermeintliche Rechtgläubigkeit oder der Glaube überhaupt mit Zwanghaftigkeit, Strenge oder Drohung durchsetzt ist und gerade keine körperliche oder seelische Gesundheit befördert. Nicht selten wurde dann unter fortschrittlichen Menschen die Konsequenz gezogen, christliche Lehre, die Inhalte des Glaubens künftig zu ignorieren, zu vergleichgültigen oder in hybrider Überschätzung zu meinen: ‚Was Gott ist, bestimme ich‘ und seine Grenzen gleich mit.

In der theologischen wie spirituellen Tradition der Alten Kirche und auch der Bachzeit wird das Gegenteil vertreten: Gesund machende Lehre ist Lehre mit Inhalt, und dieser Inhalt wirkt zum Wohl und Heil.

Der Inhalt christlicher Lehre ist vor allem eine Person, Jesus Christus! Und der bringt uns in Beziehung mit Gott. In Jesu Botschaft und in seinem Geschick wird Gott erkennbar und werden die Welt und die Menschen erkennbar, wie Gott sie will. Gott wird erkennbar als der ewig Liebende, als der, der die Menschen erwählt und an ihnen festhält, auch wenn sie irren und versagen. Die Menschen werden in Jesu Nachfolge gerufen, sie sind nicht die Besten und die Stärksten, keine unfehlbaren Helden, selten moralischen Vorbilder; sie sind Menschen, die sich mühen um den Glauben, die zweifeln, die im Alltag leben und handeln, in schweren Zeiten tapfer bleiben, die auch scheitern.

Aber wir resignieren nicht! Wir resignieren nicht, weil wir auch in dunkelsten Stunden der adventlichen Botschaft gewiss sind: Christus ist unser Bruder, und er kommt, und er bleibt an unserer Seite als wahrer Mensch und wahrer Gott.

Ich vertraue darauf, dass Christus an meiner Seite ist – ob ich gerade dafür religiös empfänglich bin oder nicht (das wechselt erfahrungsgemäß häufig innerhalb eines Lebens und ist nicht wirklich wichtig). Ich vertraue darauf, dass Christus an meiner Seite ist, dass er mich hält und trägt, wenn ich stolpere, dass er mich anschubst, wenn ich träge werde, dass er mir Orientierung gibt, wenn ich den Weg nicht mehr weiß.

Wo geschieht das alles? In Poesie und Musik kann mir das widerfahren. Kunst und Kultur sprechen Vernunft und alle Sinne an – das ist ihre große Stärke. Aber häufig bleibt das vage und unklar. Deshalb gibt es einen Ort, der eine besondere Verheißung hat: der Gottesdienst mit Kanzel und Altar, die Versammlung der Menschen um Gottes Wort und Sakrament. Sie sind Gottes Angebote, im Wochenrhythmus Halt und Anregung und Orientierung wahrzunehmen. Es ist Aufgabe der Kirche, für solche Begegnungen den Raum zu öffnen. Sie kann sie nicht herstellen oder machen, sondern sie betet und bittet immer neu um Gottes Gegenwart und seinen Segen.

Doch was geschieht, wenn Gott kommt mit seinem Segen?

 

Rezitativ (Bass – Vox Christi):

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.

So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun,

zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten

und er mit mir.

(BWV 61, 4)

 

 

Kaum jemand öffnet eine Tür sofort nach dem ersten Anklopfen. Das erwartet auch Gott nicht von uns. Er klopft länger, in Bachs Rezitativ 39 Mal. Dies Klopfen klingt auch nicht schön, es ist zunächst dissonant, mehr ein Geräusch. Es muss gehört und es muss identifiziert werden. Erst nach 4½ Takten, wenn die Stimme Christi erkannt und die Tür geöffnet wird, wandeln sich in dieser Musik die Dissonanzen zu Konsonanzen, die Geräusche zu Tönen, der Sprechgesang zur Melodie.

Der kulturelle Reichtum des Christentums, seine Poesie, seine Musik, seine Schönheit und die kirchlich-gottesdienstliche Gestalt des Glaubens – beide brauchen und gebrauchen Traditionen, Rituale, Symbole und Formeln. Sie gehen über den Einzelnen hinaus und verweben ihn gleichzeitig in die große ehrwürdige Tradition. Das ist gut und hilfreich, weil ich mich auch fallen lassen kann, lauschen, mitsingen oder summen mit Ambrosius, Luther und Bach und das im Advent 2009.

Aber mitten in dieser Kantate werde ich als Einzelner angesprochen, nicht vom Prediger oder Sänger, sondern von Christus: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; nur mit dem, der meine Stimme hört und die Tür öffnet, habe ich Gemeinschaft, nur dem werde ich vertraut wie einem Freund beim gemeinsamen Essen. Wer das Klopfen ignoriert, die Tür verschlossen hält, die Gemeinschaft meidet, erfährt von Gott nicht viel, bleibt entferntes Publikum oder ein Kritiker, der alles besser weiß, aber nichts besser kann. Hier geht es um jede Einzelne und jeden Einzelnen, um dich und mich, um deine und meine Gottesbeziehung. In dieser Beziehung gibt es auf Dauer keine Stellvertreter, da ist jeder und jede unvertretbar.

Ich sehe hier zwei wichtige Aspekte:

Einmal: Dass ich in der Beziehung zu Gott unvertretbar bin und als Person, als Individuum angesprochen werde, heißt gerade nicht, dass Gott diese Beziehung erzwingen würde. Im Bild gesprochen: Er klopft an die Tür – vielleicht 39 Mal oder mehr – und wartet und bricht nicht ein. Kein Zwang, keine Strenge, keine Gesetzlichkeit! Sondern: Freiheit und Liebe und festliche Gastfreundschaft! Gott wartet auf mich und will mir mit Wort und Sakrament aufwarten.

Zweitens: Gott spricht nicht unmittelbar zu mir; persönliche Visionen sind mehr als selten und im Universitätsgottesdienst bleibt die religiöse Erregung meist moderat (– und das liegt kaum daran, dass wir nicht mehr nach „orientalischer Weise“ singen können.) In der Kantate ist dieses Rezitativ aber direkt, es betrachtet, meditiert oder reflektiert nicht; es fragt dich und mich direkt: hören und antworten wir auf Gottes Stimme? Es fragt direkt und intensiviert durch die Musik die Spannung, drängt zur Antwort. Aber die Worte, der Text sind gleichzeitig auf besondere Weise indirekt: Es ist nämlich ein Zitat. Der Text zitiert die Bibel, den Vers Offb. 3,20. Was heißt das? Etwas sehr einfaches und Bekanntes: Die Bibel ist das entscheidende Medium der Gottesbegegnung. Gott spricht nicht direkt in mein Ohr, sondern durch die menschlichen Worte der Bibel.

Zu Beginn eines Semesters stellen sich in unserer Fakultät die Dozierenden den Erstsemestern und Studienortwechslern vor. Und jeder von uns Dozenten wirbt um das eigene Fach, und es gibt so einen unterschwelligen Wettbewerb um die Fächer, weil natürlich jeder sein eigenes Fach für das Wichtigste hält und rhetorisch sein Bestes gibt. Wie wirbt man für die bibelwissenschaftlichen Fächer? Ein vor kurzem emeritierter Kollege hat das immer etwas anders gemacht als wir Jüngeren; er wirbt nämlich nicht für ein Fach, sondern er wirbt für die Bibel und zitiert dazu gern Heinrich Heine, der gegen Ende seines Lebens schrieb: „Wer seinen Gott verloren hat, kann ihn in diesem Buche wiederfinden und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.“ (Werke und Briefe in zehn Bänden, Band 5, Berlin/Weimar 21972, S.174.)

Nicht wenige Menschen sagen sinngemäß: Wer Gott verloren hat, kann ihn bei Bach wiederfinden und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen Musik aus göttlicher Nähe. Das glaube ich auch; aber: in seinen Kantaten ist Bach ein explizit theologischer Musiker; hier deutet er die Bibel und das Evangelium und legt sie musikalisch aus. Er kündet nicht von Göttlichkeit, sondern von Christus! Dessen Stimme macht er hier hörbar, weil sie in diesem Buche steht und weil dort Gott zu finden ist, der in diesem Medium mit uns Verbindung sucht – auch heute! Wir können alles Mögliche und auch sehr Nützliche tun; im schlichten Hören und eigenen Lesen der Bibel werden wir Gott finden.

Hören wir noch einmal die Stimme Christi und Bachs Antwort darauf:

 

[Rezitativ wiederholen!!!]

 

Arie (Sopran):

Öffne dich, mein ganzes Herze,

Jesus kömmt und ziehet ein.

Bin ich gleich nur Staub und Erde,

Will er mich doch nicht verschmähn,

Seine Lust an mir zu sehn,

Dass ich seine Wohnung werde.

O wie selig werd ich sein!

(BWV 61, 5)

 

 

Das Hören und Lesen der Bibel braucht ein offenes Herz. „Öffne dich, mein ganzes Herze“ – so lautet Bachs Antwort auf die gelesene und gehörte Stimme Christi. Gott will nicht nur in der Welt und in der Kirche ankommen, sondern auch bei mir. Das Herz zu öffnen, es weit werden zu lassen, wie es bei den Benediktinern heißt, gelingt mir nicht durch eine heroische Entscheidung oder einen kräftigen Vorsatz, sondern indem ich mich berühren lasse, immer wieder, z.B. durch solch wundervolle Musik oder die Worte des Evangeliums oder einen anderen Menschen, der mir Vertrauen schenkt.

Noch ein Letztes: In dieser Arie ist die Zahl der Instrumente aufs Äußerste reduziert; auch das führt auf eine theologische Spur: Als Person bin ich unscheinbar, nur Staub und Erde, am Ende reduziert, zum Sterben bestimmt. Aber auch wenn alles wankt und schwankt, die Basslinie bleibt als Gottes Fundament gut hörbar, gerade weil sie leicht und tänzerisch ist. Auf diesem Fundament bin ich gewiss: Meine Würde und Auszeichnung sind größer als alle Äußerlichkeiten, denn das Entscheidende ist Christus. Er will in mir wohnen. Mit Ihm werde ich glücklich und selig – schon jetzt, mitten im Leben und darüber hinaus.

Bei Bach ist das alles Sprache und Erfahrung der Liebe und der Sehnsucht. Im Schlusschoral erklingt sie erneut. In diesem Choral – eigentlich nur ein Drittel Choral, nämlich der Abgesang des Morgensternliedes – schwingt sich die Solovioline in immer neuen Anläufen schließlich über drei Oktaven empor. Solch eine Sehnsucht, solch ein Verlangen braucht es schon, sonst haben der Glaube und die Liebe keine Chance auf dem Weg des Lebens.

Parallel zu dieser emporschwingenden Sehnsucht bewegt sich die Choralmelodie von ihrem höchsten zu ihrem niedrigsten Ton. Christus, die Freudenkrone, wird inständig gebeten zu kommen, und die Bewegung nach unten zeigt seine Ankunft, seinen Advent bei uns Menschen.

Am Ende liegen also Sehnsucht und Gewissheit des Glaubens ineinander, ein bittendes und offenes Herz und die Freude an Gott. Christus kommt. Er macht uns selig und fröhlich, jetzt in der Zeit und in Ewigkeit.

 

Darauf singt der Chor in unser aller Namen: „Amen“.

 

Choral (Chor):

Amen, amen!

Komm, du schöne Freudenkrone,

bleib nicht lange!

Deiner wart ich mit Verlangen.

(BWV 61, 6)

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Letzte Änderung: 23.05.2018