30.06.2013: Prof. Dr. Helmut Schwier über Ps 130 und Kantate "Aus der Tiefen..."

Predigt zu Ps 130 und der Kantate

„Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ (BWV 131)

im Universitätsgottesdienst am 30. Juni 2013 in der Heidelberger Peterskirche

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

 

1. Coro,Oboe, Fagotto, Violino, Viola I/II, Continuo   


Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir.
Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

 

2. Arioso (Bass) und Choral (Sopran),Oboe, Continuo  

So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen ?


Erbarm dich mein in solcher Last,

Nimm sie aus meinem Herzen,

Dieweil du sie gebüßet hast

Am Holz mit Todesschmerzen,

Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.


Auf dass ich nicht mit großem WehIn meinen Sünden untergeh,

Noch ewiglich verzage.

 

3. Coro,Oboe, Fagotto, Violino, Viola I/II, Continuo  

Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

 

4. Aria (Tenor) und Choral (Alt),Continuo  

Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zu der andern. 


Und weil ich denn in meinem Sinn,

Wie ich zuvor geklaget,

Auch ein betrübter Sünder bin,

Den sein Gewissen naget,

Und wollte gern im Blute dein

Von Sünden abgewaschen sein

Wie David und Manasse.

 

5. Coro,Oboe, Fagotto, Violino, Viola I/II, Continuo  

Israel hoffe auf den Herrn; denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

als ich diese Kantate zum ersten Mal hörte – auf einer alten Schallplatte, ich war Theologiestudent hier in Heidelberg – machte sie keinen nachhaltigen Eindruck auf mich. Ganz anders als heute! Ich weiß nicht genau, woran das lag. Vermutlich hatte ich damals vor allem Interesse an biblischen Texten, wissenschaftlicher Auslegung und historischen Kontexten, auch beim Zugang zu Musik.

Historisch gesehen gehört diese Kantate zu den frühen Chor- und Orchesterkompositionen des damals gerade 22 Jahre jungen Organisten von Mühlhausen, Johann Sebastian Bach. Auf Anraten seines väterlichen Freundes Georg Christian Eilmar, Pfarrer an Bachs Nachbarkirche, hat er Ps 130 als Ganzen vertont und außerdem zwei Kirchenliedstrophen als Kommentierung zugefügt; vielleicht stammt die Zufügung aber auch aus der Hand des Pfarrers. Ein Bachinterpret deutet die Textzusammenstellung und die Verbindung zum Evangelium vom Pharisäer und Zöllner als Hinweis auf die Hauptstücke des lutherischen Katechismus (Petzoldt). Das ist möglich, aber höchstens historisch oder frömmigkeitsgeschichtlich interessant.

Unmittelbar klar ist hingegen: In der Kantate wird der biblische Text in seinen einzelnen Abschnitten zu Gehör gebracht. Das folgt der Bewegung des Psalms und seiner Theologie. Folgen wir dieser theologisch-musikalischen Bewegung! Dabei werden wir mehr entdecken als Vergangenheit!

 

In vier Strophen entfaltet der Psalm sein Anliegen. In der ersten Strophe der Verse 1+2 begegnen wir dem verzweifelten Beter: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, mein Herr, höre doch auf meine Stimme!

Die „Tiefe“: eine kraftvolle Metapher und gleichzeitig schon im Hebräischen mit offenen Bedeutungen versehen. Denkbar ist die Tiefe des Meeres oder die Grube der Toten oder die Zisterne. Josef ist von seinen Brüdern in die Zisterne geworfen worden, bevor sie ihn in die Sklaverei verkauften. Da kommt niemand allein heraus. Denn in der Regel hatten Zisternen die Form einer Birne. Ohne ein Seil von oben gibt es kein Entkommen. Aus der Tiefe rufen, heißt aus der Finsternis, dem unterirdischen Gefängnis, der Ausweglosigkeit rufen, herauf zu schreien: Hört mich niemand? Gott, mein Herr, hör du auf meine Stimme! „Mein Herr“, ruft der Beter oder die Beterin und markiert dadurch noch in der scheinbaren Ausweglosigkeit die Beziehung zu Gott: Gott ist mein Herr und ich sein Diener. Lass mich nicht im Stich, sei aufmerksam auf mein Flehen, wirf mir das Rettungsseil hinunter.

In der Musik hören wir die Tiefe in der einleitenden Sinfonia und im ersten Chorsatz: Violine, Oboe und die Chorstimmen haben eine kleine „musikalische Geste“ (Petzoldt), die sich nachdrücklich nach unten neigt. Auch die fundamentalen Bassstimmen führen von Beginn an immer tiefer hinab, aber die kleine Geste hat noch diese eigentümliche Phrasierung: „aus der Tief-e-en“. Ich höre hier das Gefährlich-Bedrohliche der Tiefe: In der Zisterne, im Schlamm und Sumpf zieht die Tiefe weiter hinab. In der Tiefe der Depression, in der Tiefe der Verzweiflung, in den harten Krisen des Lebens findet niemand sofort festen Boden unter den Füßen, sondern gerät in einen Sog nach unten.

Wie wird dieser Sog nach unten aufgehalten und sogar umgedreht? Die Antwort hier: Im Rufen zu Gott, im Festhalten an dieser Beziehung trotz allem: Herr, höre meine Stimme! Es ist kein zaghaftes, fromm-zurückhaltendes Sprechen, sondern ein drängendes und gleichzeitig flehendes Rufen. Und am Ende des Chorsatzes wird das Flehen eigentümlich rhythmisiert mit auftaktigen Bewegungen. Manche deuten dies als Seufzer, aber sie tragen schon die Ahnung eines Umschwungs in sich. Später taucht dies noch einmal auf.

 

In der zweiten Strophe der Verse 3+4 ändert sich der Ton. Hier schreit der Rufer nicht einfach zu Gott, sondern reflektiert vor Ihm. Hier spricht der Theologe, der betet – und mit „Theologe“ ist nicht ein Beruf nach akademischer Ausbildung gemeint, sondern die Tätigkeit, die jeder Christenmensch vollzieht: vor und über Gott nachzudenken. Der Theologe bedenkt hier: Wenn Du, Gott, der du mein Herr bist, Verfehlungen sammeln und aufbewahren würdest – wer könnte dann bestehen? Niemand! Doch Gott ist kein Sammler der Sünden, sondern verschenkt Vergebung!

Die Verfehlungen und Sünden sind nicht nur persönliche Schuld, sondern zugleich deren Folgen für andere. Der ganze Unheilszusammenhang, den wir anrichten und in den wir verstrickt sind, ist im Blick und steht der Hoffnung auf Gottes Vergebung gegenüber. Der betende Theologe weiß oder ahnt zumindest, dass die Konsequenz dieses Gottesbildes die Gottesfurcht ist.

Manchmal höre ich von konservativen Religionsanhängern, wie fatal es sei, dass es keine Gottesfurcht mehr gäbe. Vor allem der Protestantismus habe durch sein Bündnis mit Bürgertum und Aufklärung die Religion letztlich neutralisiert und langweilig gemacht, den Ritus entleert, Anstößigkeiten entsorgt oder gar die Bibel verfälscht. Ich gebe zu: Es ist nicht einfach, in unserer pluralen und offenen Gesellschaft überzeugend und frei, Gott oder den Glauben zu bekennen. Aber die Gottesfurcht, verstanden als Angst und Furcht vor Gott, ist dazu kein geeigneter Weg. Meist führt er zur Gottesvergiftung, weil sich die Protagonisten schnell an die Stelle Gottes setzen, sich dessen Autorität aneignen oder meinen, Gottes Sache mit allen Mitteln durchsetzen zu müssen – sei es mit Gewalt oder in moderater Form durch autoritäre Verkündigung oder rigide Liturgie. So wird Gott zum Götzen degradiert und instrumentalisiert für allzu Menschliches.

Im Psalm dagegen ist die Gottesfurcht gemeint als Ehrfurcht vor Gott. Sie markiert zunächst einen Abstand zwischen Mensch und Gott, der nicht einfach zu neutralisieren oder zu beseitigen ist. Ein Mensch, der Ehrfurcht übt – gegenüber Gott, den Mitmenschen, den Geschöpfen – räumt dem Gegenüber Platz ein, biedert sich nicht an, bewahrt auch Distanz, um Lebensraum zu lassen, aber bleibt in Beziehung und Kontakt. Ehrfurcht vor Gott hält weiter an der Beziehung fest, gestaltet sie mit Gebet und Lobgesang.

Und vor allem: Die Gottesfurcht des Psalms ist Resultat einer Theologie, einer reflektierenden Gotteserkenntnis. Und die lautet: Bei Gott ist die Vergebung. Gottesfurcht entsteht nicht aus Angst vor Strafe; Gottesfurcht entsteht aus dem Staunen über Vergebung.

Bach vertont diese Strophe im 2. Satz und verbindet die Psalmverse mit einem Kirchenlied. Dadurch entstehen Bezüge zu anderen alt- und neutestamentlichen Texten (Ps 51), vor allem aber ist dies ein christologischer Kommentar: Gottesfurcht als Staunen über die Vergebung findet Gewissheit in Christus, dem menschenfreundlichen Gott, der selbst in der Tiefe war – „mit Todesschmerzen“.

In der Arie musiziert die Oboe in gleichbleibenden Rhythmen und nahezu unabhängig von der Melodie des Gesangssolisten und den anderen Stimmen. Der Rhythmus ist jedoch eng verbunden mit den ersten Worten: „So du willst“. Er führt uns so Gottes souveränen Willen ständig vor Ohren, hält ihn unabhängig von unseren Wünschen und Gebeten. Aber dann, wenn die Gottesfurcht vertont wird, kommen beide Stimmen doch zusammen und vereinen sich schließlich in Terzparallelen. In diesem Liebesintervall wird hörbar: Gottesfurcht ist Staunen über Gottes liebevolle Vergebung.

 

In der dritten Strophe der Verse 5+6 wird die betende Theologie zu einer persönlichen Rede über Gott, zu existentieller Theologie. Die erkennt: Ich habe Gott nicht in der Hand, kann mich seiner nicht verbal bemächtigen, sondern ich warte und harre, auch in der Tiefe der Zisterne; in der Dunkelheit ersehne ich die Dämmerung und den Morgen, an dem Gott spricht wie am ersten Schöpfungstag und seine Gnade erneuert. Sein Wort zu hören und zu lesen, führt zum Staunen über Vergebung, zum Staunen darüber, dass ich sagen kann: „Gott, sei mir Sünder gnädig“, zum Staunen darüber, dass mir vergeben wird.

Diese Psalmstrophe wird im dritten und vierten Satz der Kantate vertont. Das Harren und Warten wird gut hörbar und zeigt drei verschiedene Aspekte: zunächst die anfänglichen Koloraturen (das Warten als ein sich verströmendes Sehnen nach Gott), dann die langsame, chromatisch abfallende Melodie (ein Warten mit großer Schwere und Last), und vielleicht auch die losgelösten, unruhigen Imitationen von Oboe und Violine (ein Warten mit nicht abbrechen wollender Zerrissenheit und Unruhe). In der Schlusscoda überstrahlt die Gewissheit jedoch alle Unruhe, alles Schwere, alles Sehnen. Das Wort Gottes als Ziel solchen Wartens wird erreicht.

Wie im Psalm beginnt auch in der Arie das Warten noch einmal von vorn. Mehr als die Wächter in der gefährlichen Nacht auf den rettenden Morgen warten, wartet meine Seele. Im zweiten Teil der Arie erklingt das Warten übrigens 15x, sein Ziel – „der Herr“ – nur 4x. Ist das nicht realistische Glaubenserfahrung? Das Warten auf Gott dauert lange, scheint endlos und oft vergeblich. Wenn ihr auf Gott wartet, gebt nicht zu schnell auf!

Die begleitende Kirchenliedstrophe lässt für die wartende Seele das Bekenntnis der Kirche zu Christus erklingen. Die uns befremdende Bildwelt vom Reinwaschen im Blut Christi ist als metaphorischer Hinweis auf die Taufe zu entschlüsseln. In unserem Tauffenster von Johannes Schreiter führt die Taufe auch in die tiefste Tiefe des Grabes, begegnet dort, im roten Splitter angedeutet, der Liebe Gottes und ist der noch bevorstehenden Auferweckung mit Christus gewiss.

Bei Bach und Schreiter sind Musik und Kunst als persönliche Theologie erkennbar: Nachdenken über Gott und sich dabei als Mensch erfahren, der von Gott in Tiefen und Höhen gehalten wird.

 

Diese persönlich-existentielle Theologie wird in der letzten Strophe des Psalms ausgeweitet. Hier ist nun schriftbezogene und schriftgelehrte Theologie wirksam. Nicht nur die Einzelnen, sondern Israel, das Volk Gottes und wir als Kirche mit ihm, sollen auf Gott harren; denn er wird das Volk Gottes, Israel und die Kirche mit ihm, aus allem Unheil befreien. Bei Gott ist die Gnade und unendlich viel Erlösung. Das sind nicht zufällige Eigenschaften, nein, das ist sein Wesen.

In der Kantate ist dies der Höhepunkt im abschließenden Chorsatz, den wir übrigens zum Schluss des Gottesdienstes erneut hören werden. Kraftvoll wird Israel und wir mit ihm zur Hoffnung aufgefordert; und wir hören in unseren Tiefen oder Höhen die unumstößliche Zusage von Gottes Gnade und Erlösung. Gut erkennbar ist da plötzlich wieder der eigentümliche Rhythmus aus dem ersten Satz – jetzt aber nicht mehr als flehende Seufzer, sondern als lebendige Gewissheit: Dieser Herr bringt Erlösung und Befreiung aus allen Bindungen der Schuld und des Unheils.

Der Schlussteil führt dann zu einer musikalischen Explosion durch fugenartige Verbindungen und Imitationen der einzelnen Themen und Aussagen: Er wird erlösen, Israel, aus allen seinen Sünden. Am Schluss wird wiederholt und betont „aus allen seinen Sünden“. Diese Stelle hat mich früher immer gestört. Warum werden jetzt nochmal die Sünden aufgenommen und betont? Einmal aus einem theologischen Grund: auch wenn ich aus der Vergebung lebe, werde ich doch nie sündlos sein. Und musikalisch? Ich habe da früher offenkundig nicht genau hingehört. In den drei letzten Takten werden die Worte „aus allen seinen Sünden“ nicht einfach wiederholt; sie führen vielmehr harmonisch zu einer Intensivierung und schließlich zu einer Lösung im G-Dur-Akkord. Ja, das ist das Evangelium: Gott führt durch das Schwere hindurch (nicht an ihm vorbei), am Ende befreit er gewiss.

 

Wer – wie ich als Student und nach inzwischen, meine Pfarrerjahre mitgezählt, 70 Semestern Theologie – immer noch an biblischen Texten, wissenschaftlicher Auslegung, historischen Kontexten interessiert ist, kann diesen Psalm in seinen Stufen entdecken und so auch gedankliche Zugänge finden: das starke, laute Rufen aus der Tiefe als Gebet des gerade noch mit Gott Verbundenen, die betende Theologie, die persönliche und schließlich die schriftgelehrte Theologie. Nachdenken über Gott, Gottes- und Menschenerkenntnis, Reden über und zu Gott untrennbar miteinander verbunden!

Und die Kantate? Sie ist auch selbständige ästhetische Gestaltung, auch von Theologie – keine Frage! Vor allem aber ist sie selbst Vollzug der Gottesbeziehung in existentieller Theologie und im Gebet. Interessiert sein, heißt ja mittendrin sein. Die Musik lässt mich mittendrin sein in der Gottesbeziehung. Wie ein Mensch, der Ehrfurcht übt, räumt Musik mir Platz ein, schenkt Lebens- und Glaubensraum. Dabei erzwingt sie nichts und schreibt nichts vor, aber sie gelangt durch Ohren und Haut in uns hinein. Wie heute berührt sie unser Herz und stärkt unsere Seele. Sie intensiviert unser Glauben und Hoffen auf den Herrn. Seine Gnade ist alle Morgen frisch und neu.

 

Diese Gnade und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, mögen eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Gemeindelied:

All Morgen ist ganz frisch, und neudes Herren Gnad und große Treu;sie hat kein End den langen Tag,drauf jeder sich verlassen mag.

 

O Gott, du schöner Morgenstern,gib uns, was wir von dir begehrn:Zünd deine Lichter in uns an,laß uns an Gnad kein Mangel han.

 

Treib aus, o Licht, all Finsternis,behüt uns, Herr, vor Ärgernis,vor Blindheit und vor aller Schandund reich uns Tag und Nacht dein Hand,

 

zu wandeln als am lichten Tag,damit, was immer sich zutrag,wir stehn im Glauben bis ans Endund bleiben von dir ungetrennt.

 

 

Verwendete Literatur:

Neben den instruktiven Einführungen zu den Bachkantaten von A. Dürr (1971), M. Petzoldt (2004), H.-J. Schulze (2006), A.J. Becking/J.-A. Bötticher/A. Hartinger (2012) die Monographie von M. Weber: „Aus der Tiefen rufe ich Dich“. Die Theologie von Psalm 130 und ihre Rezeption in der Musik, Leipzig 2003.

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 08.07.2013
zum Seitenanfang/up