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30.10.2016: Prof. Dr. Johannes Ehmann über Röm 13,1-7

Gottesdienst in der Heidelberger Peterskirche

am 30. Oktober 2016

 

 

Predigt über Röm 13,1-7

Prof. Dr. Johannes Ehmann

 

 

Predigt über Röm 13, 1-7 am 30.10.16 in der Peterskirche Heidelberg (Prof. Ehmann)

Liebe Gemeinde, ich beginne mit einem Bekenntnis; besser: mit zwei Bekenntnissen: das erste: Es macht mir Freude, zu predigen; das zweite: Heute nicht!

Zu tief ist scheint Geläuf, um sich einen Weg durch den Predigttext zu Bahnen. Mit jedem Vers, mit jedem Halbvers verfängt man sich mehr und mehr, weiter und tiefer in den Verstrik­kungen eines politischen Ratschlags des Apostels Paulus, der im Hören nur verhängnisvoll an Unterordnung und Muckertum erinnert. Was schafft sich nicht alles Bahn bei diesem Hören: Thomas Manns „Untertan“ vielleicht, oder auch Luthers Ratschlag zum Umgang mit den aufrührerischen Bauern? Oder schon reflektierter: Treibt uns vielleicht wieder die Sorge vor einem zu starken Staat um, der jede Gelegenheit nutzt, genauer ins unser Privatleben hineinzuleuchten und öffentliche Plätze mit Kameras zu überwachen. War das nicht der unheilvolle Motor der deutschen Geschichte, die Angst vor dem Chaos, vor den Bolschewiken, vor den Demokraten, letztlich die Angst vor der eigenen bürgerlichen Freiheit? Die Diktatur, nein die wollen wir natürlich nicht, aber ein bisschen behütende Staatsmacht, ein wenig vormund­schaftlicher Staat, der mir lästige Entscheidungen abnimmt, wer sollte hier etwas einwenden? Und: Wer nichts Böses tut, der braucht doch ja auch keine Angst vor dem Staat haben! Umgekehrt: Wer den Staat seiner strafenden Autorität berauben möchte, der muss doch irgendwie Dreck am Stecken haben, zumindest ein böses Gewissen. So höre ich es selbst, wenn mir Röm 13 begegnet.

Oder liegen wir mit solchen Assoziationen von vorneherein falsch. Ist das die Ideo­logie der Alt68er, die immer das Gras wachsen hören, wenn es um Autoritäten geht? Zugegeben, es liegt viel Schatten über der deutschen Geschichte. Aber: Können wir nicht froh sein (heute) über einen insgesamt gut funktionierenden Staat mit geteilter Gewalt, gezähmtem Machtmonopol und freier Presse? Und hatte Paulus nicht eben die gute Staatsmacht im Auge, der wir uns unterordnen sollen. Aber: Was ist das: gute Obrigkeit? - Wir müssen wohl genauer prüfen, was hier steht, um auch das vielleicht Befremdliche an seinen rechten Ort zu rücken. Und wenn beim ersten Hören vielleicht nichts anderes sich eingeschlichen hat als Obrigkeit und Untertan, oben und unten, genauer: die da oben/ich hier unten, dann müssen wir genauer hinhören.

Der erste Satz, den ich aufgreifen möchte, ist: Alle Obrigkeit stammt von Gott. Ich weiß, oftmals und lange hat man diesen Satz verstanden als Legitimierung einer uneingeschränkten Gewalt, angefangen bei den Fürsten. Dass freilich Gottesgnaden­tum eine Unterstellung fürstlichen Willens unter den Willen Gottes bedeutet und bedeuten muss, das ist in Vergessenheit geraten.

Morgen ist Reformationstag. Da mag es erlaubt sein, einmal des Längeren Luther zu zitieren, also den, den ein autoritäres Regime über Jahrzehnte zum Fürstenknecht erklärt hat. Und ich zitiere den Luther des Jahres 1524, also ein Jahr nach Erscheinen der berühmten Obrigkeitsschrift des Reformators.

Der nach wie vor an Leib und Leben bedrohte Luther schreibt hier öffentlich (modernisiert): „Nun, meine lieben Fürsten und Herren, ihr beeilt euch sehr, mich armen … Menschen zu Tode zu bringen, und wenn das geschehen ist, dann glaubt ihr, gewonnen haben. Wenn ihr aber Ohren hättet, zu hören, dann wollte ich euch etwas Seltsames sagen (sprich: zu denken geben). Wie, wenn das Leben Luthers vor Gott so viel wert wäre, dass, wenn er nicht mehr lebte, keiner von euch seines Lebens oder seiner Herrschaft mehr sicher wäre, dass also sein Tod (gerade auch) euer Unglück wäre. Es ist nicht zu scherzen mit Gott. Macht nur fröhlich weiter, würget und brennet, Ich will nicht weichen, so Gott will. Hier bin ich!“

Liebe Gemeinde, das ist nicht Schillers finsterer „Männerstolz vor Fürstenthronen“, das ist helle Freiheit evangelischen Protests gegen die Anmaßung der Oberen gegenüber Gott. Für die scheinbare Macht der Fürsten über Leben und Tod hängt wirklich nichts am Leben Luthers, dazu sind sie tatsächlich zu mächtig. Aber die rechte Autorität der Fürsten hängt an der wirklichen Autorität Gottes, der die Fürsten erhebt und stürzt nach seinem Willen. Es gibt einen über euch, ihr Herren! Punctum!

Nein, noch nicht Punctum: Denn das eben am Schluss – Ich will nicht weichen, so Gott will. Hier bin ich! – erinnert das nicht an den Luther in Worms? Nur drei Jahre zuvor hatte Luther gesagt: Mein Gewissen ist im Gotteswort gefangen, darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch recht ist. Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir.“ Hier bin ich, hier stehe ich. Luther ist immer für Mitläufer ein unangenehmer Geselle gewesen, weil er einen Standpunkt hat. Es ist der Standpunkt des Gewissens und dieses Gewissen ist gefangen in der Schrift – und somit frei.

Das also ist das zweite, was zu sagen ist. Luthers Gewissen beschreibt hier nicht die bürgerliche Tugend der Gewissenhaftigkeit, sondern das Gewissen als Hörorgan des inneren Menschen, Hörorgan für die Schrift als den Willen Gottes. Und immer, wenn vom Gewissen die Rede ist, dann ist das nicht der Begriff, der uns behaglich zurücklehnen lässt in die Wohlfühlkultur unserer Wohnzimmersofas, sondern der uns aufrüttelt. Gewissen ist ein Kampfbegriff. So finden wir auch wieder die Spur zum Predigttext, wenn es dort heißt. Man muss sich der Obrigkeit unterordnen, nicht wegen der Strafe, sondern um des Gewissens willen. Ich weiß nicht, ob ein Immanuel Kant an diesen Worten seine Unterscheidung von Legalität und Moralität gelernt hat, aber Gewissen beschreibt hier einen Prozess der kritischen Unterordnung. Wohlgemerkt einen Prozess, in den ich nun im Guten verstrickt bin, weil ich nur dann ein gutes Gewissen haben kann, wenn ich zum Guten gefordert bin. Und wir sind zum Guten gefordert, eben auch in unsrer staatsbürgerlichen Rolle, die wir heute wahrnehmen dürfen und können und des auch wahrnehmen müssen.

Im Dritten, das ich aufgreifen möchte, sagt Paulus: Die Obrigkeit dient der Eindäm­mung des Bösen. Das scheint so klar und einsichtig. Jeder Ruf der Polizei ist getragen vom Vertrauen darauf, dass nach Unglück oder Verbrechen jetzt nicht noch Schlimmeres passiert, nämlich dass sich Menschen ihrer Verantwortung entziehen und ihre Opfer nur Opfer bleiben.

Deshalb erlässt auch eine rechte Obrigkeit, ein guter Staat, Gesetze und macht sich durch Erhebung von Steuern handlungsfähig. Ein Staat empfiehlt nicht und kennt die Leistungsgrenze von Appellen. Luther hat sich des Öfteren lustig gemacht über den Appell der flachen Hierarchie nach dem Motto: Ich sperre Schaf und Wolf in denselben Zwinger und geh nach Hause mit den Worten: Morgen komm ich wieder, vertragt euch gefälligst!

Und doch ist Luther wieder anders als wir ihn uns vorstellen, Luther ist ja selbst anarchistisch hinsichtlich der Anmaßung gegen Gott, um rechte Hierarchie unter den Menschen zu begründen. Aber eine Hierarchie, an deren Spitze Gott steht, wird dann zur menschlichen Verantwortungshierarchie werden. Diese ist legitim, weil notwendig zur Eindämmung des Bösen durch Androhung und Ausübung von Gewalt, wie es noch und wieder in der Theologischen Erklärung von Barmen 1934 heißt. Widerstand, der so oft und so oft zu wenig geleistete Widerstand geht also immer einher mit der Erinnerung an Gottes Willen für Recht und Frieden. Macht kaputt, was euch kaputt macht, ist keine legitime Option, weil sie keinen Rechtsfrieden schafft. So braucht jede Revolution ihre Option zum Guten, und zwar zum uneigennützig Guten. Mehr noch: die Vision und Mission zum uneigennützig Guten.

Sollten wir uns nicht spätestens jetzt daran erinnern lassen, dass Gottes Sicht der Welt und die Sendung seines Sohnes die uneigennützigste Tat überhaupt darstellt?!

Wir Menschen bleiben freilich verstrickt: verstrickt in Rat- und Tatenlosigkeit. Aleppo ist das derzeit schlimmste Beispiel, oder schon überboten vom Mossul? Wir reden von humanen Katastrophen. Das schlimmste ist, dass sich in dieser Bewertung alle Kriegsparteien einig sind, und dann eigennützig alles getan wird, um die Katastrophe zu verlängern. Eigennützige und selbsterhaltende und selbsternannte Obrigkeiten führen ihre Kriege, nicht nur gegen Wehrlose, sondern letztlich auch gegen die eigene Legitimierung als Friedens- und Ordnungsmacht. So zumindest hätte es Luther gesehen. Wer so handelt, handelt sich selbst zum Gericht.

Und wir, was können wir tun, wenn wir keine Ausweitung von Krieg wollen. Wir können Hilfsgüter spenden, wir können, wir müssen auch darauf hinweisen, dass hier Unrecht geschieht. Aber wir wissen zugleich, dass damit vielen nicht geholfen sein wird. Bleibt uns da mehr als Klage? Ich weiß es nicht. Vielleicht die erneute Erinne­rung, wie kostbar und zerbrechlich gute Obrigkeit ist und wie sehr auf unser Mittun im demokratischen Gemeinwesen angewiesen. –

Liebe Gemeinde, ziemlich selbstverliebt habe ich vorhin meine Predigt begonnen und von meiner Freude am Predigen gesprochen und dann doch – wieder mit Luther gesprochen – mir selbst das Maul gestopft. Predigen – so meine ich – kann, soll, ja darf Freude bereiten. Aber Predigen ist vor allem Sprechen eines Einzelnen ein Hören aller. Wir alle predigen in diesem Gottesdienst, nicht sprechend, sondern im Versuch, in die Schrift hinein zu hören, um das Gemeinsame zu entdecken, was uns heute und vor bald 2000 Jahren den Apostel Paulus umgetrieben hat.

So erlaube ich mir an der Schwelle zum 499. Reformationsjubiläum ein drittes und letztes Bekenntnis: Reformation ist Schriftauslegung. Und reformatorische Theologie ist Geschichtsdeutung auch als Geschichtsbewältigung in Zeiten der oft verzweifelten Suche nach politischen Lösungen. Was uns zur Gemeinde macht kann nur unser Vertrauen sein, dass es (um ein letztes Mal Luther zu zitieren) Sinn „macht“, „in die Bibel zu laufen und allda Gericht und Urteil zu holen.“ –

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Letzte Änderung: 02.11.2016
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