31.10.2010: Pfarrer Dr. Martin Treiber über Bachkantate Nr. 80

 

Predigt über die Bachkantate Nr.80 „Ein feste Burg ist unser Gott“ im ökumenischen Universitätsgottesdienst zum Reformationsfest

am 31. Oktober 2010 in der Peterskirche

 

Prediger: Pfarrer Dr. Martin Treiber, Direktor des Predigerseminars Heidelberg

 

 

 

Nach dem Eingangschor der Kantate „Ein feste Burg“,  BWV 80

 

Die Bibel, liebe Gemeinde, enthält unzählig viele kleine und große Biographien. Sie ist ein Buch voller Vielfalt.

 

Manchmal geschieht es, dass sich beim Lesen oder Hören dieser Texte eine Biographien-Begegnung abspielt.

Und dabei kann es sein, dass wir die alten und unsere eigenen Biographien plötzlich besser verstehen. Sie schließen sich gegenseitig auf.

 

Martin Luther ging es so:

 

In der Begegnung mit den Ausrufen des Psalms 46,

wir haben ihn am Anfang des Gottesdienstes im Wechsel gesprochen –

ist ihm plötzlich bewusst geworden:

In allen möglichen und heftigen Bedrängnissen tut es gut zu wissen:

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke in den großen Nöten, die uns getroffen haben.

Dieser Psalm motiviert ihn zu dem Lied: Ein feste Burg ist unser Gott.

 

Welche Bedrängnisse es bei Luther konkret waren, ist nicht bekannt. Ob es eine Krankheitsepidemie war, wie manche vermuten, oder ob er auf bestimmte politische oder kirchliche Ereignisse reagierte – es ist nicht bekannt.

Bekannt ist, was mit diesem Lied geschehen ist.

Es gibt eine Geschichte des Missbrauchs dieses Liedes.

Als Protestantenhymne.

 

Das Kernlied des Protestantismus ist jedoch ein anderes: „Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte.“ Von Paul Speratus, nicht von Luther.

 

JSBach ist in seiner Weimarer Zeit auf dieses Lied MLuthers „Ein feste Burg ...“ gestoßen –

und wird dadurch zu einem fragenden Komponisten.

Gerade der Eingangschor hat deshalb seine Geschichte.

 

Bekannt davon ist:

Zunächst hat Bach einen schlichten Choral an den Anfang gesetzt.

Doch bald muss er gemerkt haben: so klar kann ich nicht von Gott reden und singen. Ich erlebe ihn doch ganz anders. Selten klar!

 

Nach mehreren Kompositionsetappen – inzwischen ist er in Leipzig - ist die Choralmotette mühsam geboren.

 

In ihr wird deutlich:
Von Gott reden, das kann ich nur, indem ich mich ihm immer wieder annähere.

So entscheidet er sich für eine 4-stimmige Fuge,

aus allen Himmelsrichtungen sozusagen, mit allen hohen und allen tiefen Stimmen denkt er über Gott nach

und bringt gleichzeitig zum Ausdruck, dass Gott für ihn der Vollkommene ist. Deshalb ist diese Choralmotette in der Summe von Chor- und Orchesterstimmen 7-stimmig.

Die 7 – die Zahl der Vollkommenheit.

 

Damit wird auch klar:
Keine Stimme hat ihn ganz!

Um Gott verstehen zu können, brauchen wir die Vielfalt,

das so verschiedenartige Suchen, Fragen,

Zweifeln, Schweigen,

Klagen, Loben –

Da ist nichts Triumphales in dieser Eingangsmusik.

Keine Stimme dominiert.

Ja, diese Kantate passt sehr gut in einen ökumenischen ACK-Gottesdienst.

 

Da ist noch etwas in dieser Choralmotette.

Das gehört nicht nur zu Luthers Biographie, auch zu der Bachs:

Es gibt die Erfahrung von vielen Teufeleien – Luther wie Bach benutzen den Plural!

 

Bach bringt sie zu Gehör:

Zum Verwechseln ähnlich mit der Musik, die Gott nachspürt,

nur ab und zu eine schräge Chromatik, eine eigenwillige Rhythmusgestaltung, z.B.: groß Macht und viel... List sein grausam Rüstung ist.

Teufeleien, das können Krankheiten sein,

Erfahrungen in Beziehungen,
die stecken auch manchmal in Strukturen, die etwas Gnadenloses haben können, wenn die entsprechende Kultur fehlt.

 

Der Pianist Alfred Brendl hat in seinem ersten Gedichtband geschrieben:

„Seit wir nicht mehr an den Leibhaftigen glauben, müssen wir uns selber an die Wand malen.“

 

Wie auch immer.

Bach hatte eine große Sensibilität für die Dunkelheiten des Lebens.

Seine geheime Frage:
Hält das Vertrauen auf Gott stand, wenn die selbst erzeugten und selbst beschlossenen Dunkelheiten kommen oder die, denen wir ausgeliefert sind?

 

Hören wir die nächsten Sätze der Kantate, was da alles an Auseinandersetzung geschieht, bis schließlich in der Choralstrophe im 5. Satz der gesamte Chor 1-stimmig singt: Ein Wörtlein kann ihn fällen (den Fürsten dieser Welt).

 

Kantate, Sätze  2-7

 

Seelenruhe, nichts Abgehobenes, auf dem Boden angekommen,

das Vertrauen ist gestärkt für das Leben angesichts aller Dunkelheiten – so klingt es in dem zuletzt von der Altistin und dem Tenor mit großem Atem musizierten Duett: Wie selig sind doch sie,...

doch davor tobt Tumult.

 

Gerade im 2. Satz, in dem 2 Solisten, Sopran und Bass über der Kampfmusik des Orchesters singen.

Die 2 ist in Bachs Zahlensymbolik: die Christuszahl. Mit dieser Musik will er sagen:

In allem Getümmel - achtet auf Jesus Christus.

Er hat für das Leben geredet und gehandelt,

gekämpft und gelitten.

Seiner Liebe war nichts zu klein,

niemand zu weit weg

niemand zu wenig fromm.

Selig sind,

das ist sein Ziel für das Leben,

selig sind, d.h.

vertrauensvoll leben können

vertrauensvoll leben dürfen.

 

Der Aufforderung „Erwäge doch, Kind Gottes, die so große Liebe“, gesungen vom Bass mündet in eine Arie voller Liebes- und Lebens-Verlangen.

Bis hinauf zum hohen A darf die Sopranistin singen.

Warum endet die Kantate an dieser Stelle nicht?

 

Weil es so einfach mit dem Glauben nicht ist!

Auf höchster Höhe, das ist auch Bachs Erfahrung, sind wir am stärksten gefährdet.

 

Deshalb kehrt nun in der Kantate im einstimmig gesungenen Choral die Welt mit all ihren Teufeleien zurück.

Verschlungen und verschlingend, betörend und bewegend hat Bach höchst kunstvoll die Aktivität des Dunklen anschaulich dargestellt-

Und wieder ist es ihm wichtig zu zeigen, wie heimtückisch sich das gewollte oder nicht gewollte Dunkle gebärdet: Indem er 8 Stimmen erklingen lässt, wird das Dunkle, das uns aus allen 4 Himmelsrichtungen treffen, umgarnen will, je nachdem, es wird sozusagen christologisch mit der 2 multipliziert und so am Ende gefällt. Ein Wörtlein kann ihn fällen.

 

Was ist das für ein Wort,

dem Psalmbeter, Luther, Bach, und manchmal auch wir so viel zutrauen?

Es ist das Wort,

das mich anspricht, durch wen auch immer: Lebe!

Es ist das Wort, das ins Leben ruft, ob ich geboren werde oder ob ich sterbe: Lebe!

Es ist das Wort, das mich aufrichtet

und zur Umkehr einlädt: Lebe!

Martin Luther King hat diesem Wort so sehr vertraut, dass er seinen Mitmenschen sagen konnte:
Wir müssen nicht siegen.

Denn der, der für das Leben ist, hat das letzte Wort.

 

Selig sind –

Selig seid ihr -

 

Kantate: Schlusschoral  „Das Wort sie sollen lassen stahn“

 

Soli Deo Gloria

 

Amen

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Letzte Änderung: 23.05.2018